Interview: Wir haben gesundes Altern selbst in der Hand

Drei ältere Frauen in der Natur umarmen sich.

Möglichst lange gesund leben – dieses Ziel verbirgt sich hinter dem Begriff Longevity. Es geht um die Hoffnung, die gesunden Jahre zu verlängern: die sogenannte Healthspan, im Unterschied zur reinen Lebensdauer, der Lifespan. 
Der Internist und Präventionsspezialist Prof. Dr. med. Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) erklärt im Interview, wie Medizin beim gesunden Altern unterstützen kann – und wie aus der Angst vor dem Altern ein Geschäft gemacht wird.

Prof. Dr. med. Stefan Kluge

Prof. Dr. med. Stefan Kluge

Herr Professor Kluge, das Altern auf-halten oder zurückdrehen – kann die Medizin das heute schon?

Bei einigen Tierarten, etwa Mäusen oder Würmern, konnte der Alterungsprozess in Studien tatsächlich verlängert werden. Das macht das Longevity-Feld wissenschaftlich wirklich spannend. Beim Menschen gibt es dafür jedoch bislang keinen überzeugenden Nachweis. Aktuell muss man sagen: Bei vielen Angeboten der Szene, wie Biohacking und diversen Supplements, sind die Versprechen deutlich größer als die wissenschaftliche Evidenz.

Können wir dank moderner Medizin heute gesünder altern?

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 20 bis 30 Prozent unserer Lebenserwartung genetisch beeinflusst werden, während der deutlich größere Anteil durch Lebensstil, Umweltfaktoren und medizinische Versorgung bestimmt wird. Die gute Nachricht ist also: Wir haben gesundes Altern selbst in der Hand, tatsächlich stärker als jede Generation vor uns. 

Viele Angebote wecken Erwartungen, die durch klinische Studien bislang nicht gedeckt sind. Sogenannte Biohacking-Programme, Vitamininfusionen oder auch Therapieverfahren mit Sauerstoff, Druck, Wärme oder Licht. Das kommerzielle Interesse an diesem Thema ist sehr hoch. In der Medizin gilt nicht selten: Je spektakulärer die Behauptung und je teurer das Angebot, desto genauer sollte man nach der wissenschaftlichen Evidenz fragen. 

Ein großes Thema ist die Messung des biologischen Alters. Viele wollen wissen, ob ihr Körper jünger oder älter ist, als ihr Pass anzeigt. Ist das sinnvoll? 

Über bestimmte Muster an der DNA, sogenannte Methylierungsmuster, lässt sich untersuchen, wie stark Zellen gealtert sind. Für große Studien kann das hilfreich sein, für den einzelnen Menschen ist die Aussagekraft noch begrenzt. Die Tests sind teuer und meist folgt daraus keine klare medizinische Konsequenz. Sinnvoller können klassische sportmedizinische Untersuchungen sein, etwa ein Belastungs-EKG oder eine Spiroergometrie. 

Auch Wearables und Blutzuckersensoren werden inzwischen von gesunden Menschen genutzt, um ihren Körper permanent zu überwachen.

Für Menschen mit Diabetes sind moderne Blutzuckersensoren ein großer Fortschritt. Bei gesunden Menschen ist das wissenschaftlich nicht sinnvoll und kann dazu führen, dass sie sich unnötig unter Druck setzen.

Was würden Sie stattdessen empfehlen?

Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Die konsequente Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten, Übergewicht oder Diabetes. Longevity ist kein Wundermittel, sondern im Kern seriöse Präventionsmedizin.

Longevity basiert nach den Erkenntnissen der modernen Präventionsmedizin auf mehreren Säulen: regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, Stressreduktion, soziale Interaktion, Nichtrauchen, wenig Alkohol. Wie wichtig sind dabei das Nichtrauchen und der Alkoholverzicht? 

Rauchen ist einer der stärksten Faktoren, die unser Altern beschleunigen. Wer nicht raucht oder mit dem Rauchen aufhört, tut für seine Gesundheit enorm viel. Auch beim Alkohol wird die Datenlage immer eindeutiger: Für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Alkohol ein Risikofaktor und somit ein Altmacher. 

Und wenn Sie aus allen Longevity-Säulen eine herausgreifen müssten, welche wäre das? 

Regelmäßige körperliche Aktivität! Sie wirkt auf fast alle wichtigen Gesundheitsbereiche: Bewegung senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, bestimmte Krebserkrankungen und Demenz, vertreibt den Heißhunger auf ungesunde Snacks, verbessert die psychische Gesundheit, fördert den Schlaf und hilft, Muskelmasse und Selbstständigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten. Schon zwei kleine Spaziergänge – 7.000 Schritte am Tag – halten uns in Form.
Wichtig wäre, zusätzlich zwei- bis dreimal pro Woche ins Schwitzen zu kommen und die Herzfrequenz und Atmung spürbar nach oben zu bringen. Auch moderates Krafttraining ist wichtig, weil der Muskelabbau schon ungefähr ab 40 beginnt. Damit senkt man das Risiko für Stürze und spätere Hilfsbedürftigkeit. Es geht nicht darum, plötzlich Leistungssport zu betreiben, sondern darum, Bewegung, Ausdauer und Muskelaufbau regelmäßig in den Alltag einzubauen.
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Autor(in)

Journalistin für Medizin und Gesundheitsthemen

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