Social-Media-Sucht bei Jugendlichen

Symbolbild Social-Media-Sucht: Mädchen liegt im Dunkeln auf dem Bett und hat Smartphone in der Hand
Chatten, Bilder oder Storys teilen, Streams und Videos angucken: Soziale Netzwerke und Messengerdienste gehören bei einem Großteil der Menschen fest zum Alltag. Besonders intensiv nutzen Jugendliche und junge Erwachsene Social Media. Das kann jedoch problematische Züge annehmen und auch die Gesundheit beeinträchtigen, zeigt die aktuelle DAK-Mediensuchtstudie, die vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) durchgeführt wurde. 

Doch ab wann ist die Zeit, die ein Kind in den sozialen Netzwerken verbringt, überhaupt problematisch? Und wann beginnt eine Sucht? Wie Sie die Anzeichen einer Social-Media-Sucht bei Ihrem Kind erkennen und was Sie tun können, erfahren Sie hier.

Social Media: nützlich oder gefährlich?

Die Nutzung von Social Media birgt sowohl Chancen als auch Risiken für die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. In dieser Altersgruppe sind aktuell vor allem WhatsApp, Instagram, TikTok und Snapchat beliebt. Darüber bleiben Jugendliche Tag für Tag in Kontakt, lernen andere kennen und fühlen sich zugehörig. Das dürfte insbesondere bei Jugendlichen ins Gewicht fallen, die aus verschiedensten Gründen lokal keine Community haben. Über Social Media bleiben Jugendliche auch auf dem Laufenden über Trends oder drängende Fragen unserer Zeit wie den Klimawandel. So wären zum Beispiel ohne die Vernetzung über die sozialen Netzwerke die „Fridays for Future“ in ihrer Form vermutlich nie entstanden. 

Aber: In den sozialen Netzwerken lauern auch Gefahren. So knabbern unrealistische Schönheitsideale auf Instagram und Co. am Selbstwertgefühl und der Selbstwahrnehmung Jugendlicher, was sich sowohl auf ihre mentale als auch die körperliche Gesundheit auswirken kann – und zum Beispiel das Risiko für Essstörungen erhöht. Auch Cybermobbing ist auf dem Vormarsch. Und: Social Media kann sogar süchtig machen. 

Zur Einordnung der Mediennutzung: Eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) gibt an, dass Kinder zwischen neun und zwölf Jahren maximal 45 bis 60 Minuten pro Tag vor dem Bildschirm verbringen sollten – dazu gehört auch das Smartphone. Für 12- bis 16-Jährige liegt die Empfehlung bei ein bis zwei Stunden täglich.

Einfluss von Social Media auf Jugendliche

Die Social-Media-Nutzung von Jugendlichen hierzulande ist weiterhin herausfordernd: 10- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche in Deutschland verbrachen im Herbst 2024 werktags durchschnittlich 157 Minuten und am Wochenende 227 Minuten mit Social Media. Das ergab die Mediensuchtstudie der DAK-Gesundheit (2024). Damit sind die Nutzungszeiten ähnlich zum Jahr 2023 (Vorwelle), erreichen jedoch noch nicht wieder das präpandemische Niveau. 

Insgesamt weist jedoch weiterhin mehr als jedes vierte Kind im Alter zwischen 10 und 17 Jahren in Deutschland problematische Nutzungsmuster auf, was mehr als 1,3 Millionen Betroffenen entspricht. Signifikante geschlechts- oder altersspezifischen Unterschiede konnten dabei nicht festgestellt werden, wobei Jungen, tendenziell häufiger betroffen sind als Mädchen. 

Eine solche problematische Nutzung sozialer Medien hat ernsthafte Auswirkungen auf die psychische Gesundheit: Viele der befragten Jugendlichen berichten von häufiger Niedergeschlagenheit, Angstgefühlen und Stress. Außerdem fällt es ihnen oft schwer, mit negativen Emotionen umzugehen, was zu zusätzlichen Problemen führen kann. Gleichzeitig neigen Jugendliche, die psychisch belastet sind, dazu, in soziale Netzwerke zu fliehen – ein Teufelskreis. 

Auch das Familienleben leidet darunter: Eltern von betroffenen Kindern sind oft unzufriedener mit der Kommunikation innerhalb der Familie und der Art und Weise, wie Konflikte gelöst werden. Bei den Jugendlichen mit problematischen Nutzungsmustern zeigte sich auch ein niedrigeres Achtsamkeitslevel. Achtsamkeit aber erhöht die Selbstkontrolle, reduziert das Stresslevel und verbessert die Emotionsregulation – und ist damit auch ein wichtiger Faktor, um die Entwicklung einer Sucht zu verhindern.

Kostenlose Mediensucht-Hotline

Viele Eltern stellen sich die Frage, ob das Mediennutzungsverhalten ihres Kindes bereits problematisch ist oder ob Anzeichen einer Sucht vorliegen. Expertinnen und Experten des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) stehen Ihnen hierzu in einer kostenlosen Telefon-Hotline der DAK-Gesundheit beratend zur Verfügung.

Anzeichen einer Social-Media-Sucht

Eine Suchterkrankung zeigt sich durch diese frühen Anzeichen: 
  • starkes Verlangen,
  • Kontrollverlust,
  • Toleranzbildung,
  • Entzugserscheinungen,
  • Vernachlässigung anderer Lebensbereich und
  • die Fortsetzung trotz negativer Konsequenzen. 

Anzeichen einer problematischen Social-Media-Nutzung:

  • Ihr Kind überprüft laufend sein Smartphone und wird unruhig, nervös oder gereizt, wenn es keine Möglichkeit hat, online zu sein.
  • FOMO (Fear of missing out), die schon krankhafte Angst, etwas zu verpassen, ist stets gegenwärtig und führt zum Bedürfnis, immer auf dem Laufenden zu bleiben – ein erheblicher Stressfaktor.
  • Ihr Kind ist müde und unkonzentriert, da es rund um die Uhr online sein muss und selbst die Nachtruhe leidet.
  • Neben Nervosität und der Angst, etwas zu verpassen, treten auch körperliche Symptome auf, wenn Social Media nicht genutzt werden können, zum Beispiel höhere Herzfrequenz- und Blutdruckwerte.
  • Ihr Kind zieht sich immer mehr zurück und verbringt weniger Zeit mit Familie und Freunden im echten Leben. Es flüchtet sich zunehmend in die virtuelle Welt und vernachlässigt reale soziale Kontakte sowie Aktivitäten.
  • Die schulischen Leistungen Ihres Kindes verschlechtern sich, weil es sich zunehmend auf soziale Medien konzentriert und keine oder nur wenig Zeit und Energie für Hausaufgaben und das Lernen aufbringt. Schlafmangel tut ein Übriges. 

Wann spricht man von Social-Media-Sucht?

Laut DAK-Mediensuchtstudie ist die „[…] pathologische Nutzung von sozialen Medien oder Video-Streaming-Diensten […] bislang nicht als eigenständige Diagnose aufgelistet, kann jedoch anhand analoger Kriterien zur Computerspielstörung über die Kategorie ‚andere Störungen durch süchtiges Verhalten‘ klassifiziert werden.“

Zum besseren Verständnis: Die Merkmale einer Computerspielstörung sind laut Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (ICD-11) die Beeinträchtigung der Kontrolle über das Spielen, die zunehmende Priorität des Spielens in dem Maße, dass es Vorrang vor anderen Interessen und täglichen Aktivitäten hat und dass das Spielen fortgesetzt wird, obwohl negative Konsequenzen auftreten. Ähnliche Verhaltensweisen können auch bei der problematischen Nutzung von Social Media ausgemacht werden. 

Medienkonsum im Familienleben 

Wie Kinder und Jugendliche Medien nutzen, hängt auch damit zusammen, was ihre Eltern ihnen vorleben. Wie oft haben Sie Ihr Handy in der Hand? Welche Inhalte posten Sie in sozialen Netzwerken? Und wieviel Zeit verbringen Sie vor dem Fernseher oder beim Gamen? Wie die DAK-Mediensuchtstudie zeigt, sieht sich fast ein Drittel der Eltern eher nicht als gutes Vorbild für eine gesunde Mediennutzung. Jedes vierte bis fünfte Elternteil aber gibt an, sich Sorgen um die Mediennutzung seines Kindes zu machen.

Hinzu kommen Unsicherheiten von Seiten der Eltern in Bezug auf die Medienerziehung ihrer Kinder, die in den letzten Jahren zugenommen haben. Viele Eltern wünschen sich Unterstützung oder Anleitung. 

Tipps für eine unproblematische Social Media Nutzung

So können Sie Ihr Kind bei der verantwortungsvollen Nutzung von Social Media begleiten:

  • Zeigen Sie Verständnis für die Faszination von Social Media, aber erklären Sie auch die Risiken und negativen Auswirkungen. Ihr Kind sollte wissen, dass Sie sein Interesse verstehen, aber auch die möglichen Gefahren erkennen. Erklären Sie, wie wichtig es ist, kritisch mit den Inhalten umzugehen und sich nicht von Likes und Followern beeinflussen zu lassen. Ihr Kind sollte verstehen, dass die Welt der sozialen Medien oft eine verzerrte Realität darstellt und dass echte Beziehungen und Erlebnisse wertvoll sind.
  • Vermittlung von Medienkompetenz: Ihr Kind sollte einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien lernen und wissen, wie sie funktionieren, etwa hinsichtlich der Mechanismen zur Sichtbarkeit, zum Teilen und der Datennutzung.
  • Führen Sie medienfreie Zeiten ein – diese sollten für alle Familienmitglieder gelten. Achten Sie darauf, dass diese Regeln realistisch und im Alltag umsetzbar sind. Verzichten Sie auf Komplett-Verbote, denn das macht die Sache noch interessanter.
  • Stellen Sie auch klare Regeln auf, welche Inhalte genutzt beziehungsweise selbst verbreitet werden dürfen. Eine klare Struktur kann Ihrem Kind helfen, einen gesünderen Umgang mit sozialen Medien zu entwickeln.

Unterstützen Sie Ihr Kind außerdem dabei, Hobbys und Interessen abseits des Smartphones zu finden. Sport, Musik oder kreative Aktivitäten können eine wertvolle Alternative sein und helfen, den Fokus von Social Media wegzulenken.

Gemeinsame Aktivitäten als Familie, wie gemeinsames Kochen oder Restaurantbesuche, Ausflüge in Museen oder Freizeitparks oder der Besuch eines Fußballspiels können ebenfalls eine wertvolle Ablenkung bieten und die Bindung zu Ihrem Kind stärken. Im Alltag sollte es stets eine gesunde Balance zwischen Online- und Offline-Aktivitäten geben. 

Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche

Entwickelt sich mein Kind gesund und altersgerecht? 

Verdacht auf Social-Media-Sucht: Was tun?

Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind eine Social-Media-Sucht entwickelt beziehungsweise TikTok und Co. problematisch nutzt, ist es wichtig, ruhig und sachlich zu bleiben. Sprechen Sie offen und ohne Vorwürfe mit Ihrem Kind über Ihre Beobachtungen. Fragen Sie nach, wie es sich fühlt und warum es so viel Zeit online verbringt. Ein einfühlsames Gespräch kann helfen, die Ursachen für das Verhalten Ihres Kindes zu verstehen.

Erste Anlaufstelle kann zudem die Kinderärztin oder der Kinderarzt sein. Inzwischen wird bei den Vorsorgeuntersuchungen die Nutzung digitaler Medien schon früh thematisiert. Ergänzend zu den Vorsorgeuntersuchungen J1 und J2 bietet die DAK-Gesundheit außerdem das bundesweit erste Mediensuchtscreening für 12- bis 17-Jährige an. Mithilfe eines Fragebogens werden Jugendliche auf Anzeichen von Mediensucht nach ICD-11-Kriterien untersucht. Bei Auffälligkeiten erhalten Familien individuelle Unterstützung und Hinweise auf Behandlungsmöglichkeiten. Das Screening ist für DAK-Versicherte kostenfrei.

Machen Sie den Elternfrageboden Social-Media-Sucht

Sie sind sich nicht sicher, ob Ihr Kind ein problematisches Social-Media-Verhalten aufweist? Nutzen Sie den Elternfragebogen der Mediensuchthilfe: 

Häufige Fragen zu Social-Media-Sucht bei Jugendlichen

Sie haben noch eine Frage? Hier gibt es weitere Antworten zum Thema Social-Media-Sucht bei Jugendlichen.

Wie kommt man aus einer Social-Media-Sucht raus?

Um eine Social-Media-Sucht zu überwinden, hilft es, bewusste Auszeiten einzulegen, Nutzungszeiten zu begrenzen und alternative Aktivitäten zu fördern. Auch professionelle Externer LinkUnterstützung durch Beratung oder Therapie kann sinnvoll sein, um das Verhalten nachhaltig zu ändern.

Wie erkennt man eine Social-Media-Sucht?

Typische Anzeichen einer Social-Media-Sucht sind ein ständiger Drang, online zu sein, Vernachlässigung sozialer Kontakte oder Pflichten und die Unfähigkeit die Nutzung einzuschränken trotz bereits eingetretener negativer Folgen. Betroffene verlieren oft die Kontrolle über die Nutzungsdauer und -häufigkeit.

Welche Auswirkungen hat die Social-Media-Sucht auf Jugendliche?

Social-Media-Sucht kann bei Jugendlichen zu Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und einem verringerten Selbstwertgefühl führen. Zudem steigt das Risiko für psychische Belastungen wie Angstzustände oder Depressionen.

Wie wirkt sich die Social-Media-Sucht auf das Gehirn aus?

Langfristige intensive Nutzung von Social Media kann Belohnungszentren im Gehirn überstimulieren, was zu einem Suchtverhalten ähnlich anderen Abhängigkeiten führt. Die ständige Dopaminausschüttung kann die Impulskontrolle und Aufmerksamkeit beeinträchtigen.

Autor(in)

Qualitätssicherung

Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ)

Quellenangaben
Aktualisiert am:
Telefonkontakt
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