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Was bedeutet Hochsensibilität und wie viele Menschen sind hochsensibel?

Kathrin Sohst: „Hochsensibilität ist ein umgangssprachlicher Begriff für einen Ausdruck, der in der Wissenschaft ,SPS‘ (Sensory Processing Sensitivity) oder Environmental Sensitivity genannt wird. Feinfühlige, sensible Menschen werden als hochsensibel bezeichnet. Also Menschen, die gemeinhin als zart besaitet oder gar Sensibelchen bezeichnet werden, weil sie intensiver fühlen, auf äußere Reize anders reagieren, ja sogar Stimmungen wahrnehmen können. Sie hören, riechen und/oder schmecken anders, reagieren emotionaler als weniger feinfühlige Menschen. Wir kennen alle Kolleg*innen, die sich unbehaglich bei großen Teamrunden fühlen, scheinbar einen siebten Sinn haben und irgendwie anders sind. Aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung besagen, dass etwa 20 bis 30 Prozent aller Menschen zur Gruppe der Höhersensiblen gehören.“

Expertin für Hochsensibilität und Buch-Autorin Kathrin Sohst

Wie merke ich, dass ich hochsensibel bin?

Kathrin Sohst: „Hochsensible sind feinfühliger und werden gern belächelt. Seit den 90ern des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt sich auch die Wissenschaft intensiv mit Hochsensibilität. Dabei wurden vier typische Eigenschaften festgestellt: Hochsensible sind sich umweltbezogener Feinheiten bewusster, sie verarbeiten Informationen tiefer, verfügen über eine erhöhte emotionale Reaktivität sowie Empathie und sind schneller überstimuliert.“

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Ist es schön, hochsensibel zu sein oder eher lästig?

Kathrin Sohst: „Weder noch. Es ist divers. Auf jeden Fall ist das Leben sehr viel bunter. Du hast ganz schöne Erlebnisse, weil du die Dinge viel intensiver wahrnimmst: Klänge, Gerüche, das Leben an sich. Und auch der Sex kann intensiver sein, weil Reize tiefer verarbeitet werden. Aber es kann auch lästig sein, wenn zu viele Reize auf einen einprasseln. Für Hochsensible ist es wichtig, nicht in eine Sensibilitätsfalle zu geraten. Andernfalls laufen sie Gefahr, durch dieses ständige drüber leben, auszubrennen. Darum ist ein regelmäßiger Ausgleich in Form von kleinen Auszeiten essenziell. Hinzu kommt, dass viele, die sich ihrer Hochsensibilität nicht bewusst sind, selbst geißeln, weil sie sich aufgrund ihrer Sensibilität für zu weich, falsch oder nicht passend halten. Sensible Männer neigen dazu, sich selbst für schwach zu halten.“

Wie lerne ich mit Hochsensibilität zu leben?

Kathrin Sohst: „Zunächst einmal sollten Hochsensible lernen, ihre hohe Sensibilität als ein Persönlichkeitsmerkmal anzunehmen – so wie die Farbe der Augen. Sie müssen sich nicht verstecken, schämen oder falsch fühlen. Es geht aber auch nicht darum, sich den Hut hochsensibel aufzusetzen und sich als etwas Besonderes zu fühlen. Wichtig ist, sich mit dem Wissen über die Vielfalt von Sensibilität ein Leben aufzubauen, das zu ihnen passt. Das geht sicherlich nicht von heute auf morgen. Das ist ein Prozess. Es geht um Bewusstsein für die eigene Natur. Hochsensible Menschen sollten zuallererst aufhören, gegen sich selbst zu kämpfen und lernen, sich selbst anzunehmen. Einige Hochsensible versuchen die Seite zu verbergen, was sehr belastend sein kann. Wir dürfen eines nicht vergessen: Wenn Hochsensibilität keinen Sinn machen würde, hätte die Natur diese Eigenschaft schon längst abgeschafft.“

Sollte man denn mit seiner Hochsensibilität offen umgehen?

Kathrin Sohst: „Es ist sicherlich nicht klug, beim ersten Date mit ,Hey, ich bin übrigens hochsensibel' heraus zu posaunen. Auch nicht, wenn sich die hochsensible Person noch in der missionierenden Phase befindet und möglicherweise überall den Drang hat, von ihren vielen, neuen Erkenntnissen zu berichten – und möglicherweise über diejenigen lästert, die nicht hochsensibel sind. Es besteht dann die Gefahr, ein Feindbild gegen hochsensible Menschen aufzubauen. Hochsensible Menschen sollten ihrem Umfeld zu verstehen geben, was sie brauchen. Das kann dann bedeuten, dass sie gerne mit anderen Menschen zusammen sind – aber eben auch Möglichkeiten des Rückzugs brauchen. Hochsensible haben in der Regel eine gute Intuition, auf die sie sich verlassen können und dann dementsprechend auf den Partner*in oder Chef*in eingehen können. Ein hochsensibler Mensch könnte in einem Vorstellungsgespräch darauf hinweisen, dass das volle Leistungspensum auf Dauer in einem Großraumbüro aufgrund des Geräuschpegels nicht erbracht werden kann. Von Vorteil ist, dass Hochsensible aufgrund ihrer sozialen Kompetenz, ihrer feinen Antennen und der Gabe, sich gut in andere Menschen hineinversetzen zu können, sehr gute Führungskräfte sein können. Gleichzeitig können sie aufgrund ihres Gerechtigkeitssinns verletzlicher und konfliktscheuer sein und neigen dazu auszubrennen – vor allem, solange Sie sich ihrer hohen Sensibilität nicht bewusst sind und keine Entspannungszeiten und -methoden wie Achtsamkeit, Yoga oder Auszeiten in der Natur, wie z. B. Waldbaden, in ihr Leben integriert haben. In akuten Krisen reagieren Hochsensible oftmals klar, fokussiert und lösungsorientiert. Der Rums kommt danach, weil sich Hochsensible mit Leib und Seele einbringen und danach Zeit brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten. Das wird ihnen gerne  als Schwäche ausgelegt, ist aber keine.  Denn nach einer Rückzugsphase, in der Kraft getankt wird, sind Hochsensible dann wieder in gewohnter Form einsatzbereit.“ 

Buchtipps

  • Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben (Kathrin Sohst, dtv)
  • Zart im Nehmen: Hochsensibel: Erkennen Sie Ihr Potenzial (Kathrin Sohst, Goldmann)
  • 30 Minuten Hochsensibilität im Beruf (Kathrin Sohst, GABAL)

Was ist der größte Schmerz, mit dem Hochsensible konfrontiert sind?

Kathrin Sohst: „Das Gefühl zu haben, von anderen nicht verstanden zu werden, weil sie anders denken und handeln. Hochsensible stellen aufgrund ihrer hohen Empathie ihre eigenen Bedürfnisse oft hinter die  der anderen zurück, was viel Kraft kostet, wenn sie nicht auf sich selbst aufpassen. Daraus resultiert ein Schmerz, der tief gehen kann. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn hochsensible Kinder betroffen sind, die noch nicht wissen, was mit ihnen los ist und sich aufgrund ihres Anderseins selbst nicht annehmen können und für verkehrt halten. Der Umgang mit Emotionen und Sensibilität sollte meines Erachtens schon in der Schule beigebracht werden. Kinder müssten lernen, wie unterschiedlich Menschen sein können, um resilient zu werden. Sätze wie ,Sei doch nicht so sensibel‘ oder auch an Männer ,Indianer kennen keinen Schmerz‘ tragen dazu jedenfalls nicht bei und hinterlassen das Gefühl, falsch zu sein. Im Gegensatz dazu, profitieren hochsensible Menschen in erhöhtem Maße von einem fördernden, gesunden Umfeld. Hochsensible, die schon als Kind gestärkt wurden, geht es später besser. Sie werden zu starken Persönlichkeiten, die sich vielleicht als hochsensibel erkennen, aber nicht unter ihrer Hochsensibilität leiden. Auch hochsensible Erwachsene profitieren sehr von positiven Interventionen und sind offen für Veränderungen und Unterstützung. Durch meine Coachings, die ich Hochsensiblen anbiete, kenne ich beide Situationen – zum einen welche tiefgreifenden Verletzungen das Unverständnis fürs Anderssein hinterlassen können – und zwar bis ins Erwachsenenalter – zum anderen aber auch, wie schnell und intensiv die Coachees von positiven Veränderungsimpulsen profitieren, neue Wege gehen und ihr Leben verändern. “

Geben Hochsensible ihre Hochsensibilität an ihre Kinder weiter?

Kathrin Sohst: „Ja, man sagt, dass das erblich ist. Wie sich hohe Sensibilität ausprägt, ist sowohl von der Genetik als auch von der individuellen Biografie abhängig.“

Sind alle Hochsensiblen spirituell?

Kathrin Sohst: „Dadurch, dass man subtile Informationen aus seiner Umgebung ganz anders wahrnimmt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, Wahrnehmungen zu haben, die andere als spirituell bezeichnen würden. Letztlich bedeutet Spiritualität ja, sich intensiver mit sich und seinem Leben auseinanderzusetzen. Leider wird Spiritualität oft als Eso-Quatsch belächelt. Das ist es für mich nicht: Bodenständige Spiritualität führt in die Selbstverantwortung und ins Bewusstsein. Eso-Quatsch macht abhängig. Das ist ein großer Unterschied.“ 

Einige halten Hochsensibilität für eine psychische Störung – wie gehst du damit um?

Kathrin Sohst: „Es ist keine psychische Störung, sondern ein normales Temperament und eine Spielart der Natur. Hohe Sensibilität ist EIN Persönlichkeitsmerkmal von vielen – wie eine Augenfarbe. Nur, dass sie mehr Impact auf unser Leben hat als die Farbe unserer Augen und sich eigentlich in allen Lebensbereichen auswirkt. Wissenschaftlich betrachtet ist sie ein noch weiter zu erforschendes Konstrukt, aus der Praxis betrachtet eine große Erkenntnis, die es möglich macht, sich selbst und andere besser zu verstehen. Das Wissen über die Diversität von Sensibilität eröffnet neue Perspektiven und Möglichkeiten.“

Ist es dann ratsam, sich als hochsensibler Mensch für eine Therapie zu entscheiden?

Kathrin Sohst: „Wenn man gesundheitliche Probleme hat oder psychisch immer wieder die gleichen Schleifen dreht, dann ist es wichtig, auch auf den Körper und tiefer in die Seele zu schauen und sich Hilfe zu holen, wenn man etwas verändern möchte. Die Erkenntnis Hochsensibilität ist sicher ein wichtiger und bei einigen auch ein sehr entscheidender Schlüssel auf dem Weg zu sich selbst, aber er darf niemals der einzige bleiben. Durch die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit ist es möglich, sein Leben noch einmal ganz neu zu beleuchten, den roten Faden besser zu erkennen, das Jetzt anders zu gestalten und für die Zukunft neue Weichen zu stellen. Doch das gilt nicht nur für hochsensible Menschen, sondern für alle.

Grundsätzlich gilt: Sich alles im Leben – wie es einige Menschen tun – über die Hochsensibilität erklären zu wollen, sich auf einen Thron zu setzen und zu sagen: ,Ich bin nunmal so, bitte bewerft mich ab jetzt nur noch mit Wattebäuschchen.' – das macht genauso wenig Sinn, wie die hohe Sensibilität zu bekämpfen oder zu unterdrücken. Es geht also nicht um die so oft gestellte Frage ,Gabe oder Fluch', sondern darum, in die ureigene, natürliche Balance zu finden – für sich selbst, für die Gemeinschaft und im Einklang mit unserem Lebensraum.“