Wie können Schlafstörungen am besten behandelt werden?

Interview mit Prof. Dr. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité in Berlin

Immer mehr Menschen haben Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Das ergab der aktuelle Gesundheitsreport der DAK-Gesundheit zum Thema Schlaf und Schlafstörungen. Zum Arzt gehen Betroffene recht spät. Bei Schlafproblemen greifen viele häufig selbst zu Medikamenten aus Apotheken oder Drogerien.

Wir sprachen mit Prof. Dr. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinisches Zentrums an der Charité in Berlin, über die Behandlungssituation und die Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen. 

Wie lange warten Patienten, bis sie mit Schlafstörungen zum Arzt gehen?

Schlafgestörte können offensichtlich leiden, da sie meist erst sehr spät kommen, im Schnitt nach circa zwei Jahren des gestörten Schlafes. Das späte Erscheinen hat aber auch damit zu tun, dass das Umfeld der Betroffenen das Leid einer Schlafstörung nicht anerkennt: „Das wird schon wieder. Hab dich nicht so. Jeder schläft mal schlecht.“ Der Leidensdruck ist aber sehr hoch. Schlechter Schlaf geht buchstäblich an die Substanz! Betroffene sind nicht nur müde und erschöpft. Schlafstörungen können auch depressiv machen. 

Prof. Dr. Ingo Fietze, © ILLING & VOSSBECK FOTOGRAFIE

Welche medizinischen Möglichkeiten gibt es, Schlafstörungen zu behandeln?

Zunächst muss eine Schlafstörung richtig diagnostiziert werden. Sie ist häufig eine Begleiterscheinung einer anderen Erkrankung. Sie kann aber auch eine eigene Krankheit sein, eine chronische Insomnie. Es gibt unterschiedliche Formen der Insomnie in Abhängigkeit des Beginns und der Ursache. So unterscheiden wir angeborene von erworbener und primäre von sekundärer Insomnie. Zu letzterer gehören als Ursache andere Schlafstörungen wie die Schlafapnoe, unruhige Beine, eine Depression oder Schmerzen. Schlafgestörte benötigen daher sehr individuelle Behandlungen.

Therapien sind erfolgreich, wenn sie an der Ursache ansetzen. Wir brauchen deshalb effektive, anwendbare Therapien. Ziel ist, die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität wieder herzustellen und gesundheitliche und andere Risiken zu mindern. Das Behandlungsspektrum reicht von der Aufklärung über eine Verhaltenstherapie bis zur Einnahme von Medikamenten.

Wichtig ist, dass die Maßnahmen von einem schlafmedizinisch geschulten Arzt betreut werden. Davon gibt es leider noch zu wenige. 

Wie sehen Sie den Einsatz von Medikamenten?

Solange ein geschulter Arzt die Medikamente verordnet und eine kognitive Verhaltenstherapie versagt hat oder begleitend durchgeführt wird, sehe ich den Einsatz von Medikamenten bei Schlafstörungen ganz klar unkritisch. Ist die Schlafstörung eine Nebendiagnose oder eine Begleiterscheinung einer anderen Erkrankung, z.B. einer Schmerzerkrankung oder einer Depression, dann wird vornehmlich die Grunderkrankung behandelt und Schlafmittel kommen bei Bedarf zusätzlich zum Einsatz. Ist die Schlafstörung eine eigenständige Erkrankung, dann kommt eine medikamentöse Stufentherapie zum Einsatz. Führt die chronische Schlafstörung ohne bekannte Depression zur Depression, dann haben schlaffördernde Antidepressiva wie auch bei den durch eine Depression verursachten Schlafstörungen ihre Berechtigung.

Generell kommen noch zu häufig die falschen schlaffördernden Medikamente zum Einsatz. Folgen sind z.B. psychische Nebenwirkungen oder fehlender therapeutischer Effekt. Es sollten daher auch immer nicht-medikamentöse Therapien angeboten werden. Vielen Patienten mit beginnenden Schlafstörungen kann in ein paar Sitzungen bereits geholfen werden, zumindest mit einer Besserung der Symptomatik. 

Was sollten Patienten bei der Einnahme der Medikamente beachten?

Heute werden noch immer zu viele Mittel mit Abhängigkeitspotenzial über zu lange Zeiträume eingenommen. Wichtig ist, die Behandlung mit Schlafmitteln geschulten Ärzten zu überlassen, die über Nebenwirkungen und Langzeitwirkungen aufklären. 

Wie bewerten Sie das medizinische Angebot für Patienten mit Schlafstörungen?

Die Versorgungssituation in Bezug auf Schlafstörungen ist leider schlecht. Es fehlen schlichtweg niedergelassene Schlafmediziner, die den ganzen Tag Sprechstunde machen und schlafgestörte Patienten betreuen.

Es gibt auch keine neuen Behandlungskonzepte bzw. Optionen. So fehlen Angebote für eine Langzeit-kognitive Verhaltenstherapie. Es fehlen auch neue innovative Medikamente auf dem europäischen Markt, die anderswo verfügbar sind, und es fehlen effektive nicht-medikamentöse, zum Beispiel elektromagnetische Therapien, die noch nicht verfügbar sind.

Zuletzt aktualisiert:
Wed Mar 29 17:16:36 CEST 2017

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