Mehr ADHS-Neudiagnosen bei Berliner Kindern

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten mehr als doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neuerkrankungen steigen um sechs Prozent, bei Mädchen sogar um 26 Prozent
DAK-Landeschef Röttsches fordert Zusammenspiel und Vernetzung
Berlin, 26. August 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Berlin eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um zwölf Prozent. Hochgerechnet wurde somit bei rund 8.200 jungen Menschen in der Hauptstadt erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Berlin. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen mehr als doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 26 Prozent stärker an als bei Jungen mit sechs Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Berlin 4,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Volker Röttsches, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wichtig ist ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Dadurch gelingt es, sie früh zu stabilisieren und gezielt zu unterstützen, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Volker Röttsches. „Ein offener Dialog und konkrete Umsetzungspläne sind entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Dabei kommt der Schule eine große Bedeutung zu, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Berlin ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 48.800 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Berlin versichert sind. Analysiert wurden rund 2,6 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neuerkrankungen erkennbar.
Hochgerechnet 8.200 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Berlin laut DAK-Kinder- und Jugendreport 16,2 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 8.200 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von zwölf Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren mit einem Zuwachs von 19 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 12,2 von 1.000 Jugendlichen die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 10,2. Am häufigsten von ADHS-Neuerkrankungen betroffen sind Grundschulkinder, gefolgt von Schulkindern. Im Jahr 2024 wurden 20,1 Neuerkrankungen je 1.000 Grundschulkinder und 17,7 je 1.000 Schulkinder dokumentiert.
Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Berlin mehr als etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 22 Jungen und zehn Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 5.800 Jungen und 2.500 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 26 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut sechs Prozent.
Experte: ADHS ist keine Modediagnose
„Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt“, so Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.“ Zudem nehme der negative Einfluss sozialer Medien zu: „Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken“, ergänzt Correll. Sicherlich sei das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“
„Besonders bemerkenswert ist der starke Anstieg bei Mädchen“, sagt Dr. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V. (BVKJ). Das zeige, dass ADHS bei ihnen lange unterdiagnostiziert gewesen sei, da sich die Symptomatik oft weniger externalisierend äußere. ADHS sei kein reines „Jungen-Thema“, sondern ein häufig übersehenes Störungsbild, das bei Mädchen oft erst spät und dann mit zusätzlichen Belastungen sichtbar werde. „Die Konsequenz daraus kann aus meiner Sicht nur sein, Versorgung neu zu denken: Wir brauchen strukturierte, multiprofessionelle Settings in der ambulanten Pädiatrie, klare diagnostische Pfade und ausreichend Zeitressourcen für Gespräche mit Familien und Schulen.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 4,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 in Berlin mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 23.100 jungen Menschen in der Hauptstadt – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Gut 43 Prozent von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 45 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, sind es bei Mädchen etwa 38 Prozent.
Vergleichsweise geringere Betroffenheit in Berlin
Die Sonderanalyse zeigt, dass in der Hauptstadt durchschnittlich weniger Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose erhielten als im Bundesschnitt. Gab es in Berlin 2024 einen Anstieg um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent. In Brandenburg stiegen die Erstdiagnosen gar um 18 Prozent. Auch bei der Krankheitshäufigkeit liegt Brandenburg vor Berlin (4,9 Prozent zu 4,5 Prozent), allerdings unter dem Bundeschnitt von 5,2 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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