Nabelschnur auspulsieren lassen: Vorteile, Risiken und Empfehlungen zum späten Abnabeln

Die Nabelschnur direkt nach der Geburt durchtrennen oder erst auspulsieren lassen? Immer mehr Eltern entscheiden sich für das späte Abnabeln. Erfahre, welche Vorteile es für dein Baby haben kann und was Fachgesellschaften dazu empfehlen.

Eine Frau hält ihr neugeborenes Baby auf dem Arm.

Die wichtigste Frage zuerst:

Soll man die Nabelschnur auspulsieren lassen?

Ja. Fachgesellschaften empfehlen heute meist, die Nabelschnur nicht sofort zu durchtrennen, sofern Mutter und Kind nach der Geburt stabil sind. Durch das verzögerte Abnabeln erhält das Baby zusätzliches Blut aus Plazenta und Nabelschnur. Dadurch können sich die Eisenreserven, das Blutvolumen und die Kreislaufanpassung verbessern. In bestimmten Notfallsituationen kann jedoch ein sofortiges Abnabeln notwendig sein.

Was ist die Nabelschnur?  

Die Nabelschnur ist ein elastischer Gewebeschlauch, der den Organismus deines Babys mit der Plazenta verbindet. Sie besteht üblicherweise aus zwei Arterien und einer Vene in einer gelatineartigen Schutzschicht, der sogenannten Wharton-Sulze. Die Nabelschnur liefert dem Ungeborenen alles, was es braucht:

  • Versorgung: Blut mit Sauerstoff, Nährstoffen und Hormonen fließt durch die Nabelvene in Richtung Baby. Dadurch kann es wachsen und sich entwickeln.
  • Reinigung: Stoffwechselabfälle und sauerstoffarmes Blut strömen durch die Arterien zurück zur Plazenta und von dort in deinen Abbaustoffwechsel.
  • Immunschutz: Bereits während der Schwangerschaft gelangen mütterliche Antikörper über die Plazenta in den kindlichen Kreislauf. Die Nabelschnur ist Teil dieser lebenswichtigen Verbindung zwischen Mutter und Kind und unterstützt den Austausch während der gesamten Schwangerschaft.

Was bedeutet es, die Nabelschnur auspulsieren zu lassen?

Auspulsieren lassen bedeutet, die Nabelschnur erst nach dem Ende der sicht- oder tastbaren Pulsation beziehungsweise nach einigen Minuten zu durchtrennen, also wenn kein Blut mehr von der Plazenta in Richtung Baby fließt. Wie lange dies dauert, ist bei jeder Geburt anders. Dadurch kann ein Großteil des noch in Plazenta und Nabelschnur befindlichen Blutes in den Kreislauf des Babys übergehen. Fachpersonen sprechen meist von einer verzögerten Abnabelung oder vom späten Abnabeln.

Die meisten Bluttransfusionen von der Plazenta zum Kind erfolgen innerhalb der ersten ein bis drei Minuten nach der Geburt. In Einzelfällen kann die Nabelschnur jedoch deutlich länger pulsieren. Mit der Zeit versiegt der Plazentakreislauf, die Gefäße ziehen sich zusammen und die Nabelschnur fällt sichtbar in sich zusammen.

BabyCare-App

Das Programm für eine gesunde Schwangerschaft, um das Risiko einer Frühgeburt zu senken

Wie lange sollte die Nabelschnur auspulsieren?

Fachgesellschaften empfehlen inzwischen übereinstimmend, die Nabelschnur nach der Geburt nicht sofort zu durchtrennen, wenn es aus medizinischer Sicht möglich ist. Viele Hebammen und Geburtshelfende bevorzugen eine Wartezeit von mindestens einer bis drei Minuten oder bis die Pulsation der Nabelschnur aufgehört hat. Wie lange tatsächlich gewartet wird, hängt von der Situation von Mutter und Kind sowie vom Geburtsverlauf ab.

Gut zu wissen: Auspulsieren ist kein präziser medizinischer Begriff. Fachpersonen sprechen von verzögertem Abnabeln und unterscheiden zwischen: 

  • Sofort-/Frühabnabelung: unmittelbar nach der Geburt (zum Beispiel bei Notfällen)
  • Verzögerter Abnabelung: nach empfohlener Wartezeit
  • Spätabnabelung: nachdem der Nabelschnurpuls erlischt

Warum hört das Pulsieren der Nabelschnur auf?

Dass das Pumpen nach einigen Minuten nachlässt, obwohl das Baby weiterhin mit der Plazenta verbunden ist, liegt an zwei Dingen:

  • Atmung und Kreislaufumstellung: Sobald das Neugeborene eigenständig atmet, verändert sich sein gesamter Blutkreislauf. Die Lunge entfaltet sich, mehr Blut strömt dorthin und die Druckverhältnisse in den Blutgefäßen verändern sich. Gleichzeitig ziehen sich die Nabelgefäße nach und nach zusammen. Dadurch wird das Pulsieren der Nabelschnur immer schwächer und hört schließlich auf.
  • Temperatur: Auch die niedrigere Umgebungstemperatur außerhalb des Mutterleibs trägt dazu bei, dass sich die gallertige Schutzschicht der Nabelschnur verändert und die Blutgefäße zusammengedrückt werden. Dieser natürliche Prozess unterstützt das Verschließen der Nabelschnurgefäße.

Schwangerschaftsbegleitung 

Kostenloser Schwangerschaftsbegleiter in der DAK App. Infos zu unseren Services & Leistungen sowie Tipps für die 40 spannenden Wochen.

Welche Vorteile hat das Auspulsieren der Nabelschnur?

Bei der Spätabnabelung wird wertvolles Blut aus der Plazenta und der Nabelschnur zum Baby übertragen, bevor es zum Selbstversorger wird. Im Schnitt sind es zusätzliche 80 bis 100 Milliliter, die seine Startbedingungen verbessern.

  • Eisenwerte: Noch bis zu sechs Monate nach der Geburt verfügen spätabgenabelte Babys häufig über bessere Eisenspeicher. Dadurch sinkt das Risiko für einen Eisenmangel oder eine Blutarmut. Eine gute Eisenversorgung gilt zudem als wichtig für die neurologische Entwicklung des Kindes.
  • Sauerstoff- und Blutversorgung: Das zusätzliche Blut erhöht das Blutvolumen und die Anzahl roter Blutkörperchen in den Adern des Neugeborenen. Dadurch kann Sauerstoff effizienter transportiert werden und der Kreislauf des Neugeborenen wird stabilisiert.
  • Sanfterer Atmungsstart: Während dein Baby bereits selbst Atem holt, läuft ein Teil seiner Sauerstoffversorgung noch über das Blut ab. Das Auspulsieren verschafft den Lungen mehr Zeit, sich zu entfalten.
  • Weniger Komplikationen bei Frühgeborenen: Eine systematische Übersichtsarbeit mit hochwertigen Belegen zeigt, dass verzögertes Abnabeln bei Frühgeborenen die Krankenhaussterblichkeit reduziert.
  • Stammzellen: Aus dem Nabelschnurblut gelangen zusätzliche blutbildende Stammzellen zum Neugeborenen.

Welche Nachteile hat das Auspulsieren der Nabelschnur?

DAK MamaPLUS

Unser Leistungspaket für Schwangere mit exklusiven Zusatzleistungen

Das späte Abnabeln hat allerdings auch Nachteile, die du bei deiner Entscheidung beachten solltest:

  • Eingeschränkte Nabelschnurblutspende oder Stammzelleinlagerung: Nach vollständigem Auspulsieren steht häufig weniger Nabelschnurblut zur Verfügung. Dadurch kann eine spätere Einlagerung von Stammzellen erschwert oder unmöglich werden. Ob eine Stammzellaufbewahrung sinnvoll ist, sollte individuell mit medizinischen Fachpersonen besprochen werden.
  • Anfälligkeit für Gelbsucht und Polyzythämie: Bei spätabgenabelten Neugeborenen ist das Risiko für Neugeborenengelbsucht oder Polyzythämie leicht erhöht. Letzteres ist ein Überschuss an roten Blutkörperchen, der zu dickflüssigerem Blut führt. Beides lässt sich jedoch gut behandeln.
Logo der digitalen Plattform Keleya
Portrait: Hebamme Judith Herrmann

Judith Herrmann, Hebamme

Hebamme Judith Herrmann rät werdenden Eltern:

Informiere dich im Vorfeld, was dir und deinem Partner oder Partnerin wichtig ist und haltet dies in einem Geburtsplan fest. Teilt diese Info auch immer mit dem anwesenden Personal, so dass alle informiert sind.

Ist Auspulsieren beim Kaiserschnitt möglich?

Auch bei einem Kaiserschnitt kann die Nabelschnur häufig verzögert durchtrennt werden. Viele Geburtskliniken unterstützen heute ein spätes Abnabeln, sofern Mutter und Kind stabil sind. Leider heißt das aber nicht, dass dies jederzeit ohne Weiteres durchführbar ist. 
  • Notfälle: Bei einem Notkaiserschnitt wird das Klinik-Team sofort abnabeln, denn dann geht deine und die Sicherheit deines Babys vor.
  • Organisatorische Gründe: Gegebenenfalls haben in der Klinik interne Abläufe, weitere Notfälle oder ein dicht getakteter OP-Plan Vorrang.
  • Medizinische Rahmenbedingungen: Auch bei einem Kaiserschnitt kann häufig eine verzögerte Abnabelung durchgeführt werden. Wie lange dies möglich ist, hängt von der Situation von Mutter und Kind sowie von den Abläufen der Klinik ab. Viele Geburtskliniken unterstützen heute auch beim Kaiserschnitt ein verzögertes Abnabeln, sofern keine medizinischen Gründe dagegensprechen.

Am besten informierst du dich vorab, wie deine Geburtsklinik arbeitet – auch wenn ein Kaiserschnitt gemacht werden muss.

Die Nabelschnur mit Verzögerung zu durchtrennen, bringt deinem Säugling viel Gutes. Und noch etwas ganz Besonderes kommt hinzu. Während du dein Baby bereits in den Arm nimmst, seid ihr noch miteinander verbunden. Das kann für dich eine wundervolle Erfahrung beim Bonding sein. Besprich am besten frühzeitig mit dem Fachpersonal der Geburtsklinik deine Wünsche.  

Abnabeln: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Fachgesellschaften sind sich heute weitgehend einig, dass die Nabelschnur nach der Geburt nicht sofort durchtrennt werden sollte, sofern Mutter und Kind stabil sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine verzögerte Abnabelung, die nach der Geburt nach frühestens einer bis drei Minuten erfolgen soll. Andere Fachgesellschaften wie die ACOG (American College of Obstetricians and Gynecologists) oder die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nennen Mindestwartezeiten zwischen 30 und 90 Sekunden.

Die genaue Dauer unterscheidet sich je nach Leitlinie. Gemeinsam ist den Empfehlungen jedoch, dass dem Baby Zeit gegeben werden soll, zusätzliches Blut aus Plazenta und Nabelschnur zu erhalten. Der größte Teil dieser Blutübertragung erfolgt bereits in den ersten Minuten nach der Geburt. Deshalb gilt verzögertes Abnabeln heute als sinnvoll, solange keine medizinischen Gründe dagegensprechen.

Wann ist verzögertes Abnabeln nicht empfohlen?

Auch wenn das verzögerte Abnabeln für die meisten Neugeborenen Vorteile bringt, gibt es Situationen, in denen sofort oder früh abgenabelt werden sollte. Entscheidend ist immer die medizinische Lage direkt nach der Geburt.

Sofort abgenabelt wird in der Regel bei:

  • Akuter Gefährdung des Babys: Wenn das Neugeborene nicht ausreichend atmet, eine schwere Anpassungsstörung zeigt oder sofort reanimiert werden muss, steht die Stabilisierung an erster Stelle.
  • Schwerer fetaler Asphyxie (Sauerstoffmangel): Bei deutlichen Hinweisen auf eine Unterversorgung während der Geburt kann ein rasches Abnabeln notwendig sein, um umgehend intensivmedizinische Maßnahmen einzuleiten.
  • Starker mütterlicher Blutung: Bei Komplikationen wie einer ausgeprägten Nachblutung oder einer vorzeitigen Plazentalösung hat die Sicherheit der Mutter Vorrang.
  • Bestimmten Plazenta-Komplikationen: Zum Beispiel bei Plazenta praevia, Plazentaablösung oder anderen akuten geburtshilflichen Notfällen.
  • Technischen oder organisatorischen Notfallsituationen im OP (z. B. Notkaiserschnitt): Hier muss häufig schnell gehandelt werden.

Fazit: Verzögertes Abnabeln ist Standard bei stabilen Neugeborenen – bei medizinischen Notfällen hat jedoch die sofortige Versorgung Vorrang.

Häufige Fragen zum Thema Nabelschnur auspulsieren lassen

Vielleicht ist deine Frage jetzt dabei?

Autor(in)

Qualitätssicherung

Fachbereich der DAK-Gesundheit

Aktualisiert am:
Telefonkontakt
040 325 325 555

Rund um die Uhr und zum Ortstarif