ADS und ADHS: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Ein Mädchen sitzt verträumt im Unterricht während die anderen eine Gruppenarbeit machen.

Von ADHS hört man häufig in den Medien, von ADS, dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom seltener. Wir erklären die Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Außerdem erfährst du hier alles Wichtige zu den jeweiligen Symptomen, der Diagnose und was du tun kannst, wenn du bei deinem Kind oder dir selbst entsprechende Auffälligkeiten bemerkst.

Was versteht man unter ADS und ADHS?

ADS und ADHS beschreiben jeweils Erkrankungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass die eigene Aufmerksamkeit und das Verhalten nicht altersgerecht gesteuert werden können. Allerdings unterscheidet sich das Ausmaß der körperlichen und inneren Unruhe: ADS steht für das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, bei dem die fehlende Konzentrationsfähigkeit das Hauptmerkmal ist. Hyperaktivität und Impulsivität stehen hier nicht im Vordergrund, können aber dennoch vorkommen. 

ADHS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die Erkrankung wird in der wissenschaftlichen Literatur über die drei Hauptmerkmale Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität charakterisiert. Die Merkmale können dabei unterschiedlich stark ausgeprägt sein. In der amerikanischen Klassifizierung werden drei Formen unterschieden:

  1. Gemischtes Erscheinungsbild: Hier zeigen sich sowohl Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität/ Impulsivität.
  2. Vorwiegend hyperaktiv-impulsives Erscheinungsbild: Hier ist Hyperaktivität und Impulsivität vordergründig präsent, Unaufmerksamkeit kann begleitend vorkommen.
  3. Vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild: Unaufmerksamkeit ist das Hauptmerkmal, Hyperaktivität oder Impulsivität können vorhanden sein, stehen aber nicht im Vordergrund. Dies entspricht im Sprachgebrauch der Ausprägung ADS.

Sowohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch die deutsche Leitlinie zur Diagnostik und Therapie ordnen ADS als „vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“ als eine Ausprägung von ADHS ein. Damit gilt ADS offiziell nicht als eigenständige Erkrankung, sondern als eine Variante von ADHS. 

Wie unterscheiden sich die Symptome bei ADS von denen bei ADHS?

Der Unterschied zwischen ADS und ADHS zeigt sich im Alltag vor allem darin, wie deutlich Hyperaktivität und Impulsivität hervortreten. Menschen mit einem vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild wirken häufig ruhig oder verträumt. Bei einem hyperaktiv-impulsiven oder kombinierten Erscheinungsbild fällt die Unruhe oft als charakteristisches Merkmal auf.

Die folgende Übersicht zeigt typische Unterschiede zwischen ADS und ADHS. Sie dient jedoch nur zur Orientierung und ist bewusst vereinfacht, denn ADHS und ADS können sich bei jeder Person unterschiedlich zeigen. Sowohl ADHS als auch ADS beginnen immer im Kindes- oder Jugendalter. Sie treten nicht erst im Erwachsenenalter auf, werden teilweise aber erst später entdeckt. 

Die Ausprägung kann sich außerdem mit dem Alter verändern, meist sind die Symptome mit zunehmenden Alter schwächer.

Eher als ADS bezeichnetes ErscheinungsbildHyperaktiv-impulsives oder kombiniertes ADHS-Erscheinungsbild
Wirkt verträumt oder gedanklich abwesendWirkt körperlich unruhig oder ständig in Bewegung
Lässt sich leicht ablenkenHandelt häufig spontan und unüberlegt
Vergisst Termine, Materialien oder AbsprachenPlatzt mit Antworten heraus oder unterbricht andere
Braucht für Aufgaben oft mehr Zeit oder verliert vor dem Abschluss den FadenKann nur schwer warten oder längere Zeit still sitzen
Fällt durch Ruhe mitunter wenig aufFällt durch Unruhe oder impulsives Verhalten häufiger auf
Hat Schwierigkeiten mit Planung und OrganisationHat zusätzlich oft Probleme mit Impulskontrolle und Selbststeuerung

Wichtig zu wissen: ADS ist nicht die „leichtere“ Form der Aufmerksamkeitsstörung. Wer still und angepasst wirkt, kann im Inneren dennoch stark belastet sein. Wiederholte Misserfolge, Kritik und das Gefühl, trotz großer Anstrengung die Erwartungen nicht zu erfüllen, können das Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Ruhige Betroffene erhalten teilweise erst spät die Unterstützung, die sie brauchen, weil das Krankheitsbild weniger auffällig ist. Das begünstigt auch die Entwicklung von Folgeerkrankungen wie Angst oder Depressionen.

Wie äußern sich ADS und ADHS bei Kindern und Jugendlichen?

ADS und ADHS zeigen sich unterschiedlichen bei Kindern und Jugendlichen. Bei Kindern können oftmals Aufmerksamkeitsprobleme beim Spielen, Zuhören und Lernen beobachtet werden: Ein Kind wechselt vielleicht rasch und häufig zwischen Tätigkeiten, vergisst Anweisungen oder kann Regeln nur schwer einhalten. Bei dem „unaufmerksamen Erscheinungsbild“ bleibt es eher ruhig sitzen und träumt vor sich hin, arbeitet langsam oder gibt Aufgaben unvollständig ab. Ein Kind mit Symptomen des hyperaktiv-impulsiven Erscheinungsbild von ADHS wird hingegen häufiger aufstehen, viel reden, andere unterbrechen oder rastlos spielen.

Wenn die Symptome nur einen Lebensbereich betreffen, handelt es sich meist nicht um ADS oder ADHS. Hier wäre es wichtig nach Ursachen oder Konflikten im jeweiligen Lebensbereich zu suchen.

Symptome bei Schulkindern

Mit Beginn der Schule steigen die Anforderungen an Konzentration, Selbstorganisation und Ausdauer. Dadurch werden die Auffälligkeiten oft deutlicher. Anzeichen sind dann zum Beispiel: Kinder verlieren Arbeitsmaterialien, vergessen Hausaufgaben oder können ihr Wissen in Klassenarbeiten nicht zuverlässig abrufen. Impulsive Reaktionen mancher Kinder können leichter zu Missverständnissen oder Konflikten führen. Fachleute achten besonders darauf, ob die Schwierigkeiten in mehreren Lebensbereichen auftreten und die Entwicklung, das Lernen oder soziale Beziehungen spürbar belasten.

Symptome bei Jugendlichen

Im Jugendalter müssen junge Menschen ihren Alltag zunehmend selbst planen. Stundenpläne, Prüfungen, Freizeit und soziale Beziehungen unter einen Hut zu bekommen, kann dann besonders herausfordernd werden. Die sichtbare Hyperaktivität nimmt oftmals ab und verlagert sich nach Innen. Betroffene berichten dann eher von innerer Unruhe, Rastlosigkeit oder einem Gefühl, gedanklich ständig unter Strom zu stehen.

Ruhige und angepasste Kinder werden leichter übersehen. Das betrifft hauptsächlich eher Mädchen, weil sie öfter durch Symptome wie innere Unruhe, Tagträumen oder Rückzug aufweisen – und nicht störendes Verhalten. Doch auch Jungen können ein vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild haben. Fachleute schauen daher, welche individuellen Symptome das Kind hat. Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 22,4 Jungen und 11,3 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Auch insgesamt erhalten immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 16 Prozent. 

Vermutlich führt eine Vielzahl an Faktoren zum Anstieg der Neudiagnosen: Die größere Aufmerksamkeit für die Erkrankung ADHS, ein stärkerer Medienkonsum – gerade auch die sozialen Medien, Nachholeffekte durch die Covid-19-Pandemie und mehr Leistungsdruck zählen zu den möglichen Ursachen, warum deutlich häufiger die Diagnose ADHS gestellt wird – so der Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit.

Was können Eltern bei möglichen Auffälligkeiten tun?

Fast jedes Kind ist gelegentlich unkonzentriert, vergisst etwas oder verhält sich mal impulsiv. Das ist ein normales kindliches Verhalten. Einzelne Beobachtungen reichen deshalb nicht aus, um auf ADS oder ADHS zu schließen. Wenn du allerdings über einen längeren Zeitraum bemerkst, dass dein Kind belastet wirkt oder sich das Verhalten von dem der gleichaltriger Kinder unterscheidet, lass die Verhaltensauffälligkeiten in der Kinderarztpraxis abklären.

Hilfestellung zur Beobachtung

Die folgenden Fragen können dir helfen, das Verhalten deines Kindes zu beobachten:

  • Wie erlebt mein Kind die Situation selbst?
  • Wann treten die Schwierigkeiten besonders häufig auf?
  • Zeigen sich die Auffälligkeiten zu Hause, in der Schule und in der Freizeit?
  • Gibt es Probleme mit Schlaf, Hören, Sehen, Ängsten oder anderen Belastungen?
  • Hat dein Kind starke Konzentrationsprobleme?

Sprich außerdem mit den Erzieherinnen oder Erziehern in der Kita oder im Kindergarten beziehungsweise mit Lehrerinnen und Lehrern in der Schule. Ihre Beobachtungen helfen dabei, das Verhalten in unterschiedlichen Situationen einzuordnen. Versuche, dein Kind nicht vorschnell als unmotiviert oder absichtlich störend einzuordnen. Viele betroffene Kinder geben sich große Mühe und erleben selbst, dass ihnen bestimmte Dinge trotzdem schwerfallen.

Wenn du merkst, dass dein Kind deutlich belastet ist, wende dich zunächst an eine Kinderärztin oder einen Kinderarzt. Für eine Diagnose führen Fachleute ausführliche Gespräche, beobachten das Verhalten und beziehen Informationen aus Familie und Schule sowie häufig standardisierte Fragebögen ein. Unruhe und Vergesslichkeit lassen sich mitunter auch durch Ängste, Lernschwierigkeiten oder belastende Lebenssituationen erklären. Ziel der Diagnose ist es daher, genau solche Faktoren sorgfältig abzuklären.

Mehr darüber erfährst du in unserem Interview zur Diagnostik und Behandlung von ADHS bei Kindern.

Wie machen sich ADS und ADHS bei Erwachsenen bemerkbar?

ADHS und ADS beginnen bereits in der Kindheit, bleiben aber oftmals auch im Erwachsenenalter bestehen. Etwa 50 bis 80 Prozent der im Kindesalter Betroffenen weisen auch als Erwachsene noch Symptome auf. Gerade ADHS zeigt sich bei Erwachsenen jedoch anders als bei Kindern. Die motorische Hyperaktivität ist dann oft weniger sichtbar und äußert sich 
eher als innere Getriebenheit. Im Erwachsenenalter zeigen sich ADHS und ADS außerdem häufig durch diese Ausprägungen:

  • Organisationsprobleme
  • Schwierigkeiten mit Zeitmanagement
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Vergesslichkeit  
  • Konflikte im Beruf oder in Beziehungen.
Während sich ADS und ADHS im Kindesalter meist noch gut voneinander unterscheiden lassen, werden die Symptome im Erwachsenenalter oft ähnlicher. Erwachsene, die nicht als Kind eine ADS- oder ADHS-Diagnose erhalten haben, finden teilweise nur schwer passende Fachleute, die eine eindeutige Diagnose ADHS bei Erwachsenen stellen können. Eine gute Anlaufadresse im Verdachtsfall sind zum Beispiel ADHS-Spezialambulanzen, die es in deutschlandweit gibt.

Wie werden ADS und ADHS behandelt?

Die Behandlung richtet sich nach dem Alter, dem individuellen Erscheinungsbild und der Belastung im Alltag. ADS und ADHS nutzen grundsätzlich die gleichen Therapieansätze. Je nach Ausprägung werden aber unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt.
Mögliche Bausteine sind:

  • Beratung und verständliche Informationen für Betroffene und Angehörige (sogenannte Psychoedukation)
  • Elterntraining und verlässliche Strukturen im Alltag
  • Unterstützung in Kita, Schule, Ausbildung oder Beruf
  • Psychotherapeutische Maßnahmen, insbesondere Verhaltenstherapie
  • Medikamente, wenn eine Ärztin oder ein Arzt Nutzen und mögliche Risiken sorgfältig abgewogen hat

Welche Maßnahmen sinnvoll sind, entscheiden Betroffene, Eltern und Fachleute gemeinsam. Bei leichteren Schwierigkeiten kann zunächst eine Beratung oder Schulung der Eltern im Vordergrund stehen. Bei stärkeren Beeinträchtigungen kommen häufig mehrere Therapiebausteine zum Einsatz.

Häufig gestellte Fragen zum Unterschied von ADS und ADHS

Du hast noch mehr Fragen zu ADS und ADHS? Hier findest du weitere Antworten.

Autor(in)

DAK Onlineredaktion

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Fachbereich der DAK-Gesundheit

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