Interview: „Inkontinenz ist kein unabwendbares Schicksal“
Inkontinenz betrifft viele Menschen – und trotzdem wird kaum darüber gesprochen. Dabei lassen sich Beschwerden in vielen Fällen deutlich verbessern oder gezielt behandeln. Entscheidend ist, die Ursachen frühzeitig abzuklären und die passende Therapie zu finden.
Im Interview beantwortet Professor Dr. med. Christl Reisenauer, 2. Vorsitzende der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V. und Leitende Ärztin der Sektion Urogynäkologie der Universitäts-Frauenklinik Tübingen, die wichtigsten Fragen rund um das Thema Inkontinenz. Sie erklärt, wann Betroffene ärztliche Hilfe suchen sollten, welche Untersuchungen sinnvoll sind und warum moderne Therapien heute gute Erfolgschancen bieten.
Prof. Dr. med. Christl Reisenauer ist Expertin für Urogynäkologie und leitet die entsprechende Sektion an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Sie ist 2. Vorsitzende der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V. und engagiert sich maßgeblich für die Erforschung und Behandlung von Beckenbodenerkrankungen, die Enttabuisierung von Inkontinenz sowie für die Aufklärung und die Verbesserung der Versorgungsstrukturen für Betroffene.
Wann sollte ich mir bei Inkontinenz Hilfe holen?
Professor Dr. med. Christl Reisenauer: „Inkontinenz ist die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, den Blasen- und/oder Darminhalt sicher zu speichern und selbst zu bestimmen, wann und wo Blase und/oder Darm entleert werden sollen. Unwillkürlicher Urinverlust, Wind- und Stuhlabgang sind die Folgen.
Bei den folgenden Anzeichen ist es ratsam, einen spezialisierten Arzt oder eine spezialisierte Ärztin aufzusuchen:
- Auffällig häufiges Wasserlassen am Tag. Von einem häufigen Wasserlassen sprechen wir, wenn Sie mehr als 8-mal täglich zur Toilette müssen.
- Ein erstes Zeichen kann auch sein, dass Sie häufig von Harndrang aus dem Schlaf gerissen werden und nachts aufstehen müssen, um Ihre Blase zu entleeren.
- Ein weiteres typisches Zeichen für Inkontinenz ist ein plötzlich auftretender, starker Harndrang, bei dem die Toilette nicht mehr rechtzeitig erreicht werden kann.
- Ebenso zählt ein unwillkürlicher Urinverlust bei alltäglichen Belastungen dazu – wie Husten, Niesen, Lachen, Heben oder körperlicher Aktivität.
- Oder wenn bereits regelmäßig, auch in kleinen Mengen, Urin verloren geht – und Sie deshalb vielleicht sogar schon auf Hilfsmittel wie Einlagen zurückgreifen.
- Auch wenn Sie merken, dass Ihre Lebensqualität eingeschränkt ist, etwa durch die automatische Suche nach der nächsten Toilette, der Angst auf die Toilette zu müssen oder Vermeidungsverhalten, wie etwa weniger aus dem Haus zu gehen, keinen sportlichen Aktivitäten mehr nachgehen.
Weitere Informationen zum Thema Inkontinenz
Auf den Seiten der Deutschen Kontinenz Gesellschaft finden Sie Informationen, Hilfe und Beratung rund um das Thema Harn- und Stuhlinkontinenz.
Sollten Sie gar Blut im Urin, Schmerzen beim Wasserlassen oder Fieber haben, kann das ein Zeichen für Infektion oder ernsthafte Erkrankung sein, dann sollten Sie unbedingt zeitnah einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Vor einem Besuch in einer spezialisierten Praxis empfehlen wir, die Symptome, Dauer, Häufigkeit, Auslöser, das veränderte Wasserlassen, die Nutzung von Hilfsmitteln zu dokumentieren. Diese Informationen erleichtern eine Diagnoseerstellung. Die gute Nachricht an Betroffene ist, wir haben bei der Behandlung von Inkontinenz sehr gute Verbesserungschancen. Inkontinenz ist daher kein unabwendbares Schicksal. Wichtig ist es, frühzeitig einen spezialisierten Arzt oder eine spezialisierte Ärztin aufzusuchen.“
Was sollte genau untersucht werden, damit mir geholfen werden kann?
Professor Dr. med. Christl Reisenauer: „Es gibt verschiedene Formen der Harn- und Stuhlinkontinenz, die sehr unterschiedliche Ursachen haben können. Zunächst ist es wichtig, die Ursache der Inkontinenz zu finden, nur so kann eine passende Therapie gewählt werden. Die Untersuchung beginnt zunächst mit der Erhebung der Krankengeschichte, um einen Überblick über die Beschwerden zu erhalten. Für die Krankengeschichte wird in der Regel der Inkontinenz-Fragebogen des ICIQ (International Consultation on Incontinence Modular Questionnaire) eingesetzt. Darüber hinaus wird der Arzt oder die Ärztin Sie auffordern, ein sogenanntes Blasentagebuch, auch Urin- und Trinkprotokoll genannt, zu führen. Sie dokumentieren im Blasentagebuch Ihre Trinkmenge, die Toilettengänge, Ihren Harndrang und gegebenenfalls auch Ihre Harninkontinenz über mehrere Tage. Neben der Krankengeschichte ist auch die körperliche und gynäkologische Untersuchung von Bedeutung. Hier wird der sogenannte Hustentest eingesetzt, d.h. man wird Sie auffordern, im Liegen oder Stehen zu husten. Dadurch wird ermittelt, ob bei dieser Belastung Harn verloren geht. Bei Frauen wird die Kontrolle über die Ansteuerung des Beckenbodens bei der vaginalen Tastuntersuchung ermittelt, beim Mann bei der rektalen Untersuchung. Darüber hinaus erfolgt auch eine Urinanalyse, um eine Infektion auszuschließen.
Sollten durch diese ersten Untersuchungen die Ursachen der Inkontinenz noch nicht klar sein, dann kann Ultraschall oder eine weitere Bildgebung eingesetzt werden, um etwa Veränderungen der Blase oder Harnröhre zu erkennen. Auch eine Restharnbestimmung kann erfolgen. Weiterhin kann eine Urodynamikuntersuchung, eine Harnröhren- /Blasendruckmessung, durchgeführt werden oder auch eine Harnröhren- und Blasenspiegelung.“
Was sollte ein Therapieplan beinhalten? Und wer entwickelt ihn für mich?
Professor Dr. med. Christl Reisenauer: „Bei der Inkontinenz gibt es viele Formen und Inkontinenz hat auch sehr individuelle Ursachen. So individuell die Ursachen sind, so individuell muss auch der Therapieplan sein. Der Therapieplan enthält daher auch meist mehrere Bausteine.
Unverzichtbar ist eine ordentliche Aufklärung der Betroffenen. Welche Therapie gewählt wird, ist immer eine gemeinsame Entscheidung von Betroffenen und Ärzten oder Ärztinnen. Und letztlich ist die Therapie auch immer ein gemeinsamer Weg, der beschritten wird. In den meisten Fällen ist der Hausarzt oder die Hausärztin die erste Anlaufstelle. Ratsam ist aber auch einen spezialisierten gynäkologischen oder urologischen Facharzt oder eine Fachärztin aufzusuchen. Bei der Stuhlinkontinenz ist eine koloproktologische Praxis die richtige Anlaufstelle. Spezialisierte Fachärzte und Fachärztinnen finden Sie in der Expertensuche auf der Homepage der Deutschen Kontinenz Gesellschaft.
Wichtig ist, dass bei der Therapieentscheidung auf eine partizipative Entscheidungsfindung gesetzt wird, das heißt, dass Betroffene aktiv in medizinische Entscheidungen einbezogen werden. Behandlungsoptionen sollten immer gemeinsam besprochen und entschieden werden.
Ein Baustein im Therapieplan ist sicherlich die Verhaltenstherapie, also ein gezieltes Trink- und Toilettenmanagement, um die Ausscheidungsgewohnheiten zu analysieren, mit dem Ziel, diese dann auch wieder selbst besser steuern zu können.
Auch die Ernährungsberatung ist wichtig, denn insbesondere Übergewicht trägt zur Inkontinenz bei.
Das Beckenbodentraining ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil und sollte immer unter Anleitung von spezialisierten Physiotherapeuten erfolgen. Während des Beckenbodentrainings können Elektrostimulation und Biofeedback zusätzlich genutzt werden. Je nach Inkontinenzform ist auch eine medikamentöse Therapie möglich.
Die bis hier genannten Bausteine können durch digitale Gesundheitsanwendungen (DIGA-Apps) unterstützt werden. Erst wenn alle konservativen Therapieoptionen ausgeschöpft und nicht erfolgreich waren, kommen als letzte Möglichkeit minimalinvasive bzw. invasive operative Verfahren in Betracht.
Wichtig ist, gemeinsam den Therapieplan regelmäßig zu überprüfen und dann auch anzupassen. Der Therapieplan sollte immer auch in den Alltag des Betroffenen passen.“
Warum reicht es nicht, nur mein Inkontinenztherapiegerät zu nutzen?
Professor Dr. med. Christl Reisenauer: „Inkontinenztherapiegeräte – also Elektrostimulationsgeräte, Biofeedback-Geräte, vaginale oder anale Konen/Gewichte oder auch mobile Apps – können eine festgelegte Therapie gut unterstützen und begleiten. Hier sind sie durchaus hilfreich.
Aber der Einsatz von Inkontinenztherapiegeräten darf nicht dazu führen, dass keine ordentliche Diagnose erfolgt und damit die eigentliche Ursache der Inkontinenz nicht festgestellt wird. Jedem muss bewusst sein, dass die Inkontinenztherapiegeräte lediglich ein Symptom bearbeiten, nicht die zugrundeliegende Ursache.
Und es kommt noch etwas hinzu: die Inkontinenztherapiegeräte müssen auch richtig eingesetzt werden. Biofeedback kann genutzt werden, wenn der Beckenbodenmuskel intakt ist und der Beckenboden richtig angesteuert werden kann. Elektrostimulation kommt zum Einsatz, wenn der Beckenbodenmuskel zu schwach ausgeprägt ist und erst auftrainiert werden muss. Dann muss das jeweils zum Versicherten passende Übungsprogramm und die Intensität vom Arzt mit dem Versicherten besprochen und am Gerät eingestellt werden. Um das zu erlernen, ist häufig eine ordentliche Anleitung notwendig.
Wenn Sie also beispielsweise ein Biofeedback-Gerät im Therapieplan integrieren, dann ist es aus unserer Sicht unbedingt empfehlenswert, zuvor mit spezialisierten Physiotherapeuten oder Physiotherapeutinnen den Einsatz zu erlernen und so Ihren Beckenboden richtig anzusteuern. Viele Betroffene sind sich ihres Beckenbodens und seiner Funktion nicht bewusst.“
Was kann ich in der Zwischenzeit tun, solange ich auf einen Termin bei einem Beckenbodenexperten warte?
Professor Dr. med. Christl Reisenauer: „Es ist zu empfehlen, den Arztbesuch gut vorzubereiten. Sie können bereits ein Blasentagebuch führen und Trinkmenge, Dauer und Häufigkeit der Toilettengänge, Harndrang und eventuell Urinverlust notieren. Entsprechende Protokolle erhalten Sie bei der Deutschen Kontinenz Gesellschaft. Dokumentieren Sie auch sonstige Symptome und die Nutzung von Hilfsmitteln. Sie können Ihre Ernährung umstellen und Ihr Trinkverhalten anpassen. Letzteres bedeutet nicht weniger zu trinken, sondern ca. 1,5-2 Liter pro Tag. Auch Beckenbodentraining kann helfen. Sollten Sie schon Einlagen nutzen, was für die Zwischenzeit als Hilfsmittel durchaus eine Lösung sein kann, achten Sie bitte auf eine entsprechende Hautpflege. Auch Stressreduktion kann zu Verbesserungen führen. Atemübungen, Kurzmeditationen, aber auch Bewegung können hier hilfreich sein.
Wichtig ist und bleibt aber der Besuch beim spezialisierten Arzt oder bei der spezialisierten Ärztin, um die Ursache der Inkontinenz zu ermitteln.“
Fachbereich der DAK-Gesundheit
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