Ganzheitliche Therapie bei Inkontinenz

Inkontinenz hat viele Gesichter – und ebenso viele Ursachen. Deshalb setzt eine wirksame Behandlung nicht nur bei den Symptomen an, sondern auch bei den Ursachen und den persönlichen Lebensumständen.
Ziel einer ganzheitlichen Therapie bei Inkontinenz ist es, nicht nur den Urin- oder Stuhlverlust und die Beschwerden langfristig zu verringern, sondern das Wohlbefinden, das Selbstvertrauen und die Lebensqualität der Betroffenen zu stärken.
Was bedeutet ganzheitliche Therapie bei Inkontinenz?
Eine ganzheitliche Inkontinenztherapie bedeutet, dass die Behandlung der Inkontinenz alle Aspekte des betroffenen Menschen berücksichtigt – medizinische, körperliche, psychische und alltagspraktische. Ursachen und Auswirkungen werden näher betrachtet. Ziel ist eine Kombination verschiedener Maßnahmen, die sowohl die Körperfunktion wiederherstellt als auch die Lebensqualität nachhaltig verbessert.
Bausteine der ganzheitlichen Therapie bei Inkontinenz
Zu den wichtigsten Bestandteilen einer ganzheitlichen Behandlung gehören:
- Medizinische Abklärung und Diagnostik – zur Behandlung der körperlichen und neurologischen Ursachen, etwa an Beckenboden, Blase, Prostata oder Enddarm.
- Physiotherapeutische Unterstützung – als Beckenboden- und Blasentraining, um die Muskulatur bewusst zu steuern und die Kontrolle über den Urin- bzw. Stuhlabgang zu verbessern
- Ernährungs- und Lebensstilberatung – zur Anpassung von Trinkverhalten, Ballaststoffzufuhr bei Darmbeschwerden, Bewegung und Körpergewicht.
- Psychologische Unterstützung – hilft, Scham, Stress oder Ängste besser zu bewältigen.
- Versorgung mit Hilfsmitteln – wie passenden Einlagen, Pants, Analtampons. Auch weitere Unterstützung durch Biofeedback oder Elektrostimulation.
- Eventuell Medikamente, zum Beispiel bei Dranginkontinenz
- Beratung nach Operationen, Schwangerschaft oder Geburt
Ärztliche Abklärung: Diagnose und Befund
Suchen Sie frühzeitig ärztliche Hilfe auf. Ein vertrauensvolles Gespräch mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt ist meist der erste Schritt. Je nach Befund erfolgt die Überweisung an Fachärztinnen und Fachärzte für Urologie, Gynäkologie oder Proktologie.
Typische Untersuchungen sind:
- Anamnese / Gespräch über Beschwerden und Lebensgewohnheiten
- Urinuntersuchung und/oder Ultraschall
- in speziellen Fällen eine Messung der Blasenfunktion
- Führen eines Trink- und Blasentagebuchs (Miktionsprotokoll) zur Dokumentation der Flüssigkeitsaufnahme und des Harndrangs über einen bestimmten Zeitraum. Sie können sich ein Toiletten- und Trinkprotokoll auf den Seiten der Kontinenzgesellschaft herunterladen.
- Tastuntersuchung (Palpation) des Beckenbodens zur Beurteilung von Kraft, Koordination und Entspannungsfähigkeit
- Druckmessung des Schließmuskels (Anorektale Manometrie) bei Verdacht auf Stuhlinkontinenz
Formen der Inkontinenz
Die Behandlung richtet sich nach der jeweiligen Inkontinenzform, da unterschiedliche Ursachen unterschiedliche Maßnahmen erfordern:
- Belastungsinkontinenz: z. B. beim Husten, Niesen, Lachen
- Dranginkontinenz: plötzlicher, starker Harndrang
- Mischinkontinenz: Kombination beider Formen
- Überlaufinkontinenz: Überdehnung der Blase, Zurückhalten von Urin
- Funktionelle oder neurogene Inkontinenz: nächtliches Bettnässen
- Fäkalinkontinenz: unkontrollierter Verlust von Winden oder Stuhl
- Senkungsbedingte Inkontinenz: Kontrollverlust durch Lageveränderung der Beckenorgane (z. B. Gebärmutter- oder Enddarmsenkung)
Die Fachärzte oder Fachärztinnen erstellen daraufhin einen individuellen Therapieplan, der häufig mehrere Behandlungsansätze kombiniert.
Wichtig: Begleiterkrankungen beachten
Inkontinenz tritt häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf – etwa Diabetes, Depressionen, Schlafstörungen oder Adipositas. Diese sogenannten Begleiterkrankungen können die Blasenfunktion zusätzlich beeinflussen.
Eine ganzheitliche Therapie berücksichtigt dies und behandelt alle relevanten Faktoren – z. B. durch Bewegung, Ernährungsberatung, medikamentöse Einstellung, Verhaltenstipps im Alltag oder psychologische Unterstützung.
Individuelles Training: Von Beckenbodenübungen bis Toilettentraining
- Übungen zur Wahrnehmung und/oder Stärkung des Beckenbodens
- Übungen zur Wahrnehmung und Stärkung des Harnröhren- und Analschließmuskels
- Entspannungsübungen, Atem- und Haltungsschulung
- Verhaltenstipps bei Dranginkontinenz
- Empfehlungen für ein Toilettentraining (z. B. keine vorsorglichen Toilettengänge, kein Pressen beim Wasserlassen)
Beckenbodentraining
Beckenbodentraining zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur ist vor allem bei Belastungsinkontinenz sehr wirksam. Entscheidend ist die richtige Anleitung:
- Übungen unter Anleitung spezialisierter Physiotherapeutinnen oder Physiotherapeuten
- Regelmäßiges, kurzes Training mit ausreichenden Therapiepausen statt seltener, langer Einheiten
- Vermeidung von Überlastung durch übermäßige Anspannung
- Geduld – erste Erfolge zeigen sich oft nach einigen Wochen
Blasentraining / Toilettentraining
Blasentraining wird vor allem bei Dranginkontinenz (überaktive Blase) empfohlen. Ziel ist es, die Abstände zwischen den Toilettengängen schrittweise zu verlängern und die Blase wieder besser zu kontrollieren.
Bei Belastungsinkontinenz (z. B. beim Husten, Niesen oder Lachen) ist Blasentraining dagegen weniger wirksam.
Veränderung des Lebensstils: Tipps für den Alltag
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Meditationen und Übungen zur Stressbewältigung
Kleine Veränderungen im Alltag können bei Inkontinenz viel bewirken. Neben medizinischer Behandlung und Beckenbodentraining helfen vor allem diese Maßnahmen:
- Ausreichend trinken: Etwa 1–2 Liter Wasser am Tag – zu wenig Trinken reizt die Blase zusätzlich.
- Übungen wiederholen: nach außen unsichtbare Beckenbodenübungen regelmäßig in den Alltag einbauen, Gegenstände bewusst richtig anheben
- Koffein und Alkohol reduzieren: Kaffee, schwarzer Tee und Alkohol können Harndrang verstärken.
- Gesundes Körpergewicht: Übergewicht erhöht den Druck auf die Blase und den Beckenboden.
- Regelmäßige Bewegung: Aktivität stärkt Muskulatur und Kreislauf – auch den Beckenboden.
- Entspannungstechniken: Sie können die Behandlung unterstützen, insbesondere bei einer überaktiven Blase oder einem gereizten Darm.
Unterstützung durch Inkontinenz-Hilfsmittel
Die Versorgung mit geeigneten Hilfsmitteln ist ein zentraler Bestandteil einer ganzheitlichen Therapie bei Inkontinenz. Dazu zählen zum Beispiel:
- Saugende Produkte wie Einlagen, Vorlagen oder Pants
- Ableitende Systeme wie Katheter oder Urinalkondome
Sie dienen nicht nur dem Schutz und der Hygiene, sondern tragen wesentlich zur Wiederherstellung der Lebensqualität bei.
Biofeedback und Elektrostimulation
Die Einweisung sollte immer unter fachlicher Anleitung erfolgen. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin legt fest, welche Stromformen, Frequenzen und Stromstärken eingestellt werden müssen, wie oft und wie lange Sie täglich mit dem Inkontinenztherapiegerät trainieren und welche Pausenzeiten eingehalten werden sollten.
Medikamente und operative Verfahren
Wenn die bisherigen Maßnahmen allein nicht ausreichen, kann eine medikamentöse Therapie helfen. Die medikamentöse Behandlung wird individuell abgestimmt und sollte stets durch eine Fachärztin oder einen Facharzt der Urologie oder Gynäkologie erfolgen.
Sollte auch diese Behandlung nicht ausreichen, ist die Operation eine Möglichkeit, die Beschwerden zu lindern. Sie wird erst dann in Betracht gezogen, wenn alle anderen Optionen sorgfältig geprüft und ausgeschöpft wurden. Die Entscheidung für eine Operation ist immer ein individueller Prozess, der in enger Absprache zwischen Ihnen und Ihren behandelnden Spezialisten getroffen wird.
Hilfe und Beratung
Lesen Sie zu dem Thema Therapie bei Inkontinenz auch unser Interview „Inkontinenz ist kein unabwendbares Schicksal“ mit Professor Dr. med. Christl Reisenauer, 2. Vorsitzende der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V. und Leitende Ärztin der Sektion Urogynäkologie der Universitäts-Frauenklinik Tübingen.
Informationen der Deutschen Kontinenzgesellschaft:
- Blasentagebuch für Toiletten- und Trinkprotokoll
- Expertensuche: Hilfe in Ihrer Nähe
- Kontinenz- und Beckenbodenzentren
- Nützliche Tipps für Betroffene
Eine Liste spezialisierter Physiotherapie-Praxen finden Sie unter:
Selbsthilfegruppe:
DAK Fachbereich
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