ADHS: Mehr Neudiagnosen bei Mädchen in Sachsen-Anhalt

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neuerkrankungen steigen insgesamt um 8 Prozent, bei Mädchen sogar um 18 Prozent
DAK-Landeschef Meyrich fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel
Magdeburg, 30. September 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Sachsen-Anhalt eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 8 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 3.700 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Sachsen-Anhalt. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 18 Prozent stärker an als bei Jungen mit 3 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Sachsen-Anhalt 4,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Steffen Meyrich, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Steffen Meyrich. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Sachsen-Anhalt ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 17.900 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Sachsen-Anhalt versichert sind. Analysiert wurden rund 939.800 Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024.
Hochgerechnet 3.700 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Sachsen-Anhalt laut DAK-Kinder- und Jugendreport 13,3 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 3.700 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 8 Prozent. Der Anstieg fällt bei Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren mit einem Zuwachs von 45 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 9,5 von 1.000 Jugendlichen die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 6,5.
Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Sachsen-Anhalt etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 16,4 Jungen und zehn Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 2.400 Jungen und 1.300 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 18 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut drei Prozent.
Experte: Familien brauchen verlässliche Hilfe und Diagnostik
„Wir müssen die aktuellen Zahlen der DAK zu ADHS bei Kindern und Jugendlichen ernst nehmen. Der Anstieg zeigt, dass Aufmerksamkeitsprobleme, psychische Belastungen und Verhaltensauffälligkeiten in unseren Praxen eine immer größere Rolle spielen“, betont Dr.med. Paul Weihe, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinderärzte Sachsen- Anhalt. „Die DAK-Studie sollte daher vor allem ein Auftrag sein, die Versorgungsstrukturen für Kinder und Jugendlich zu stärken. Betroffene Familien brauchen keine vorschnellen Etiketten, sondern verlässliche Diagnostik, Beratung und eine Behandlung, die sich am einzelnen Kind orientiert."
„Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt“, so Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.“ Zudem nehme der negative Einfluss sozialer Medien zu: „Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken“, ergänzt Correll. Sicherlich sei das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 4,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 in Sachsen-Anhalt mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 12.900 jungen Menschen in Sachsen-Anhalt – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Gut 31 Prozent von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 35 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, sind es bei Mädchen etwa 22 Prozent.
Vergleichsweise weniger Betroffenheit in Sachsen-Anhalt
Die Sonderanalyse zeigt, dass in Sachsen-Anhalt weniger Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose erhielten als im Bundesschnitt. Gab es in Sachsen-Anhalt 2024 einen Anstieg um 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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