ADHS in Niedersachsen: Mehr Neuerkrankungen bei Kindern

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neuerkrankungen steigen um 13 Prozent, bei Mädchen sogar um 15 Prozent
DAK-Landeschef Vennekold fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel
Hannover, 25. August 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Niedersachsen eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 13 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 21.700 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Niedersachsen. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 15 Prozent etwas stärker an als bei Jungen mit zwölf Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Niedersachsen 6,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Dirk Vennekold, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Dirk Vennekold. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Niedersachsen ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 73.200 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Niedersachsen versichert sind. Analysiert wurden rund 3,8 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024.
Hochgerechnet 21.700 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Niedersachsen laut DAK-Kinder- und Jugendreport 19 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 21.700 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 13 Prozent. Der Anstieg betrifft fast alle Altersgruppen, fällt aber bei Schulkindern im Alter zwischen zehn und 14 Jahren mit einem Zuwachs von 28 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 20,4 von 1.000 Schulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 15,9. Die meisten Neuerkrankungen gab es in der Altersgruppe der Grundschulkinder im Alter von fünf bis neun Jahren. 27,3 von 1.000 Grundschulkindern erhielten 2024 erstmalig die Diagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 26,4.
Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Niedersachsen etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 25,3 Jungen und 12,4 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 14.900 Jungen und 6.900 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 15 Prozent etwas höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut zwölf Prozent.
Experte: ADHS ist keine Modediagnose
„Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt“, so Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.“ Zudem nehme der negative Einfluss sozialer Medien zu: „Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken“, ergänzt Correll. Sicherlich sei das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“
„Besonders bemerkenswert ist der starke Anstieg bei Mädchen“, sagt Dr. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V. (BVKJ). Das zeige, dass ADHS bei ihnen lange unterdiagnostiziert gewesen sei, da sich die Symptomatik oft weniger externalisierend äußere. ADHS sei kein reines „Jungen-Thema“, sondern ein häufig übersehenes Störungsbild, das bei Mädchen oft erst spät und dann mit zusätzlichen Belastungen sichtbar werde. „Die Konsequenz daraus kann aus meiner Sicht nur sein, Versorgung neu zu denken: Wir brauchen strukturierte, multiprofessionelle Settings in der ambulanten Pädiatrie, klare diagnostische Pfade und ausreichend Zeitressourcen für Gespräche mit Familien und Schulen.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei niedersächsischen Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 6,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 zwischen Nordsee und Harz mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 70.000 jungen Menschen in Niedersachsen. Gut 52 Prozent von ihnen erhielten eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 54 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, sind es bei Mädchen etwa 48 Prozent.
Geringere Neuerkrankungsrate als im Bund
Die Sonderanalyse zeigt, dass 2024 in Niedersachsen weniger Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose erhielten als im Bundesschnitt. Gab es in Niedersachsen einen Anstieg um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent. Gleichzeitig ist die Krankheitshäufigkeit in Niedersachsen höher als im Bund. So wurden 2024 in Niedersachsen insgesamt 6,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit einer ADHS-Diagnose versorgt. Im Bund waren es 5,2 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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(Copyright: GettyImages_John Slater/DAK-Gesundheit)
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