ADHS-Diagnosen in Hessen steigen stärker als im Bundesschnitt

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neudiagnosen steigen um 24 Prozent, im Bund um 16 Prozent
DAK-Landeschefin Dalhoff fordert frühzeitige Aufmerksamkeit und vernetzte Versorgung
Frankfurt, 07. September 2026. Deutlich mehr Kinder und Jugendliche haben in Hessen eine ADHS-Neudiagnose erhalten. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 24 Prozent. Der Bundesschnitt lag bei einem Plus von 16 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 15.400 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Hessen. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 32 Prozent stärker an als bei Jungen mit 20 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Hessen 4,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschefin Britta Dalhoff, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen in Hessen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschefin Britta Dalhoff. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Hessen ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 85.800 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Hessen versichert sind. Analysiert wurden rund 4,5 Millionen Versorgungskontakte wie etwa Arzt- und Therapeutenbesuche, Krankenhausaufenthalte und Arzneimittelverschreibungen im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neudiagnosen erkennbar.
Hochgerechnet 15.400 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Hessen laut DAK-Kinder- und Jugendreport 17,1 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 15.400 jungen Menschen. 2024 zeigt im Vergleich zu 2023 ein Plus von 24 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen. Am häufigsten von ADHS-Neuerkrankungen betroffen sind Grundschulkinder im Alter zwischen fünf und neun Jahren, gefolgt von Schulkindern zwischen zehn und 14 Jahren. So wurden 2024 23,9 Neuerkrankungen je 1.000 Grundschulkinder und 19,3 je 1.000 Schulkinder dokumentiert.
Neudiagnosen steigen in Hessen stärker als im Bund
Die Sonderanalyse zeigt, dass die ADHS-Neudiagnosen in Hessen deutlich stärker gestiegen sind als im Bundesschnitt. Gab es in Hessen 2024 einen Anstieg um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent. Beim Niveau der Neudiagnosen liegt Hessen mit 17,1 je 1.000 Kindern und Jugendlichen nahezu gleichauf mit dem Bundeswert von 17,0. Bei der Krankheitshäufigkeit liegt Hessen mit 4,8 Prozent unter dem Bundesschnitt von 5,2 Prozent.
Experte: Anstieg bei Mädchen „bemerkenswert“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Hessen etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 22,1 Jungen und 11,7 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 10.200 Jungen und 5.200 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 32 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit 20 Prozent.
„Für die Zukunft erwarte ich eher eine weiter steigende Zahl neu diagnostizierter Aufmerksamkeitsstörungen mit und ohne Hyperaktivität“, sagt Dr. med. Ralf Moebus, Kinder- und Jugendarzt in Bad Homburg und Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V. (BVKJ) in Hessen. „Eltern sind heute häufig stärker belastet und haben oft weniger Ressourcen, ihren Kindern im häuslichen Umfeld eine unterstützende Lernumgebung zu bieten. Auch ein zunehmender, unkritischer Medienkonsum kann diese Entwicklung verstärken. Besonders bemerkenswert ist der starke Anstieg der Diagnosen bei Mädchen. Das zeigt, dass ADHS bei ihnen lange unterdiagnostiziert war, da sich die Symptomatik häufig weniger auffällig äußert als bei Jungen. Umso wichtiger sind eine frühzeitige Diagnostik und gut vernetzte Unterstützungsangebote, damit betroffene Kinder und ihre Familien möglichst früh die passende Hilfe erhalten.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 4,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 in Hessen mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 43.400 jungen Menschen in Hessen – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Rund die Hälfte von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 51 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, sind es bei Mädchen etwa 47 Prozent.
„Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt“, so Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.“ Zudem nehme der negative Einfluss sozialer Medien zu: „Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken“, ergänzt Correll. Sicherlich sei das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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