Hamburg: Mehr ADHS-Neudiagnosen bei Kindern

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neuerkrankungen steigen um 38 Prozent, bei Jungen sogar um 54 Prozent
DAK-Landeschef Juncker fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel
Hamburg, 29. September 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Hamburg eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 38 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 5.200 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Hamburg. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen mehr als doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Die Anzahl der Neudiagnosen bei Jungs verzeichnen einen Zuwachs von 54 Prozent, bei den Mädchen sind es dagegen zwölf Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in der Hansestadt 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Jens Juncker, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen in Hamburg ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Jens Juncker. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Hamburg ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 22.900 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Hamburg versichert sind. Analysiert wurden rund 1,2 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neuerkrankungen erkennbar.
Hochgerechnet 5.200 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in der Hansestadt laut DAK-Kinder- und Jugendreport 19,7 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 5.200 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 38 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Schulkindern im Alter zwischen zehn und 14 Jahren mit einem Zuwachs von 58 Prozent besonders deutlich aus. Grundschulkinder bekamen am häufigsten eine ADHS-Erstdiagnose. So erhielten 2024 25,7 von 1.000 Grundschulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 20,7.
Expertin: Hamburger Zahlen nicht alarmierend
„Für den Anstieg der Neudiagnosen von ADHS gibt es mehrere mögliche Gründe. Einer wäre, dass ADHS in Hamburg zuvor unterdiagnostiziert war und viele Kinderneurologinnen und -neurologen sowie und Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater über die Jahre ihre Diagnostik-Kapazitäten erhöht haben. Ein weiterer Grund ist eine höhere Belastung der Kinder und Jugendlichen im Großstadt-Setting- Ich nenne nur das Stichwort Schulklima“, so die Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Hamburg, Dr. Claudia Haupt. „Erstaunlich finde ich, dass der Anstieg der Diagnosen bei den Jungs drastisch höher lag als bei den Mädchen.
Da Jungs im Vergleich mehr Probleme im Sozialverhalten haben als Mädchen, wird von Seiten der Eltern und Lehrkräfte eher eine medikamentöse Therapie angestrebt. Wir müssen aber davon ausgehen, dass der Bedarf bei den Mädchen teilweise nicht erkannt wird. Insgesamt erscheinen mir die Hamburger Zahlen im Vergleich zum Bundesdurchschnitt im Hinblick auf die Gesamthäufigkeit der ADHS und auch der Geschlechterverteilung plausibel und nicht übermäßig alarmierend“, so Haupt weiter.
Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Hamburg mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 27,2 Jungen und 12,0 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 3.700 Jungen und 1.500 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Jungs mit einem Zuwachs von rund 54 Prozent deutlich höhere Steigerungsraten auf als Mädchen mit gut zwölf Prozent.
Experte: ADHS ist keine Modediagnose
„Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt“, so Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.“ Zudem nehme der negative Einfluss sozialer Medien zu: „Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken“, ergänzt Correll. Sicherlich sei das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 in Hamburg mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 13.600 jungen Menschen in Hamburg – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Gut 44 Prozent von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 47 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, waren es bei Mädchen etwa 38 Prozent.
Vergleichsweise hohe Betroffenheit in Hamburg
Die Sonderanalyse zeigt, dass in Hamburg mehr Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose erhielten als im Bundesschnitt. Gab es in der Hansestadt 2024 einen Anstieg um 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent. Im Nachbarland Schleswig-Holstein stiegen die Erstdiagnosen um 24 Prozent. Auch bei der Krankheitshäufigkeit liegt Hamburg vor Schleswig-Holstein (5,2 Prozent zu 4,9 Prozent), aber gleichauf mit dem Bundeschnitt von 5,2 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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