ADHS bei Kindern: Zahl der Erstdiagnosen in Bayern steigt

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neuerkrankungen steigen um 17 Prozent, bei Jungen sogar um 20 Prozent
DAK-Landeschef Blasutto fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel
München, 12. Oktober 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten im Freistaat eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 17 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 34.300 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Bayern. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Jungen mit einem Zuwachs von rund 20 Prozent stärker an als bei Mädchen mit 13 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Bayern 5,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Rainer Blasutto, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Kinder mit ADHS profitieren am meisten, wenn Eltern, Schule, und Gesundheitswesen gemeinsam handeln. Nur im Einklang aller Akteure können Belastungen früh erkannt und ihre Verfestigung nachhaltig verhindert werden“, sagt DAK-Landeschef Rainer Blasutto in Bayern. „Voraussetzung hierfür sind ein offener Dialog und gemeinsam entwickelte Handlungskonzepte, wodurch die Widerstandskraft junger Menschen gestärkt wird und Belastungsfaktoren reduziert werden. Gerade die Schule bietet dafür hervorragende Möglichkeiten, da sie alle Kinder in ihrem Alltag erreicht.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Bayern ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 108.100 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Bayern versichert sind. Analysiert wurden rund 5,7 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind starke Anstiege bei ADHS-Neuerkrankungen erkennbar, vor allem bei bayerischen Jungen.
Hochgerechnet 34.300 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten im Freistaat laut DAK-Kinder- und Jugendreport 18,3 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 34.300 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 17 Prozent. Die Entwicklung verlief dabei je nach Altersgruppe unterschiedlich. Die stärksten Anstiege gegenüber dem Vorjahr zeigten Jugendliche (plus 29 Prozent) und Schulkinder (plus 22 Prozent). Die meisten ADHS-Erstdiagnosen entfielen jedoch mit 23,9 Neuerkrankungen je 1.000 Kinder auf Grundschulkinder im Alter von fünf bis neun Jahren.
Jungen erhalten häufiger ADHS-Neudiagnosen als Mädchen
Die Zahl der ADHS-Neudiagnosen nahm im Vergleich zum Vorjahr sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen zu. Jungen erhielten jedoch nicht nur insgesamt etwa doppelt so häufig eine Neudiagnose wie Mädchen, sondern verzeichneten auch einen stärkeren Anstieg. So erhielten 23,9 Jungen und 12,3 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 23.100 Jungen und 11.200 Mädchen in Bayern.
Expertin: ADHS wird heute zuverlässiger erkannt
„Die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Bayern bewegt sich insgesamt auf dem erwartbaren Niveau", sagt Dr. Inga Schumann, stellvertretende Chefärztin der KIRINUS Tagesklinik für Kinder und Jugendliche in München-Nymphenburg, sowie Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. „Die steigenden Zahlen sind kein Grund zur Beunruhigung, sondern zunächst ein Zeichen dafür, dass ADHS heute zuverlässiger erkannt wird. Entscheidend ist, was nach der Diagnose passiert. Wir sehen in unserer Tagesklinik täglich, dass eine frühe, strukturierte Behandlung Kindern viel Leidensweg erspart. Insgesamt haben sich die Zugänge zur Versorgung verbessert. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für ADHS in der Öffentlichkeit deutlich gestiegen, sodass mehr Betroffene fachärztlich abgeklärt werden. Besonders bei Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren zeigt sich zwischen 2023 und 2024 mit 29 Prozent der stärkste Anstieg bei den Neuerkrankungen. Dabei könnten auch soziale Medien eine Rolle spielen. Jugendliche werden dort häufiger auf das Thema aufmerksam, erkennen Symptome bei sich selbst wieder und suchen anschließend fachärztliche Hilfe auf. Die Zunahme der Diagnosen bei Mädchen sind meines Erachtens grundsätzlich positiv zu bewerten. Sie deutet darauf hin, dass ADHS bei Mädchen zuverlässiger erkannt wird. In der Vergangenheit wurden sie vermutlich häufiger übersehen oder fehldiagnostiziert. Die Daten zur Medikation zeigen allerdings weiterhin Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Mädchen werden auch nach unserer Erfahrung seltener leitliniengerecht medikamentös behandelt. Das ist ein Versorgungsdefizit mit Folgen, denn eine unbehandelte ADHS kann schulische Misserfolge und seelische Belastungen nach sich ziehen. Eine passgenaue Behandlung, medikamentös und psychotherapeutisch, verändert den Lebensweg dieser Kinder spürbar."
Unterschiedliche Trends im Bund und in Bayern
Die DAK-Analyse zeigt, dass in Bayern mehr Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose erhalten als im Bundesschnitt. Gab es im Freistaat 2024 einen Anstieg um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent. Besonders auffällig ist die Versorgung von Mädchen. Hier gibt es in Bayern eine andere Entwicklung als im Bundestrend. So stiegen 2024 im Bundesschnitt die Neudiagnosen bei Mädchen stärker an als bei Jungen. In Bayern sind die Steigerungsraten bei Jungen ausgeprägter als bei Mädchen. Warum die Diagnosen bei Mädchen in Bayern weniger stark zunehmen als im Bundesdurchschnitt, lässt sich nach Einschätzung von Schumann derzeit nicht eindeutig erklären. „Die Analyse führt uns vor Augen, dass wir in Bayern ADHS-typische Merkmale bei Mädchen noch stärker in den Blick nehmen müssen", so Schumann. „Was hilft, ist eine enge Vernetzung von Schule, Familie und Fachmedizin. Bei KIRINUS setzen wir genau darauf, indem wir Diagnostik, Therapie und die Einbindung des Umfelds unter einem Dach zusammenführen." Zudem weist Schumann darauf hin, dass die Entwicklung der Diagnosen zwischen 2020 und 2024 vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie betrachtet werden sollte. „Insbesondere zu Beginn dieses Zeitraums war der Zugang zur medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung deutlich eingeschränkt gewesen, was zu verzögerten oder zunächst ausbleibenden Diagnosestellungen beigetragen haben könnte", ergänzt sie.
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern in Bayern auf einem hohen Niveau liegt: 5,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 108.000 jungen Menschen in Bayern – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Mehr als die Hälfte der 6- bis 17-Jährigen mit ADHS erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 59 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, waren es bei Mädchen etwa 53 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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