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Computerspielsucht: Hilfe für Eltern

DAK-Report „Game over“ zeigt, dass vor allem Jungs betroffen sind

Daddeln, chatten, zocken: Haben Sie das Gefühl, Ihr Kind verbringt zu viel Zeit vor dem Computer? Ihre Vermutung könnte stimmen. Vor allem 12- bis 25-jährige Jungen und Männer sind von einer Abhängigkeit betroffen. Das zeigt eine Studie* der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Prof. Dr. Rainer Thomasius ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie und leitet das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters in Hamburg. Wir wollten wissen, was betroffene Eltern tun können, wie oft es Streit gibt und ernsthafte Probleme durch Computerspiele. Und außerdem: Wie wirkt sich die Nutzung auf die sozialen Kontakte und das psychische Wohlbefinden aus?

Prof. Dr. Rainer Thomasius über Studienergebnisse zum Thema Computerspielabhängigkeit.

Prof. Dr. Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters

Frage 1: Herr Thomasius, was haben Sie herausgefunden?

Nach der aktuellen DAK-Studie ist in Deutschland jeder zwölfte Junge oder junge Mann süchtig nach Computerspielen. In der Altersgruppe der 12- bis 25-Jährigen sind 5,7 Prozent von einer Computerspielabhängigkeit betroffen. Männliche Personen sind mit 8,4 Prozent deutlich häufiger abhängig als weibliche. In der Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen spielen 70 Prozent der Jugendlichen mehrmals pro Woche oder täglich am Computer, Tablet, der Spielkonsole oder am Smartphone.

Als Hauptergebnisse zeigt unsere Studie bei den männlichen Befragten, dass:

  • sie am Wochenende im Durchschnitt fast drei Stunden pro Tag am Computer spielen.
  • sechs Prozent „ernsthafte Probleme mit Familie oder Freunden“ hatten durch Computerspiele.
  • 13 Prozent konnten das Spielen gegen den Rat anderer Menschen nicht reduzieren.
  • 19 Prozent hatten Streit durch ihr Spielverhalten.
  • 26 Prozent fühlten sich unglücklich, weil sie nicht spielen konnten.

Befragte Mädchen berichteten nur halb so häufig oder noch seltener von derartigen Problemen.

Die Studie zeigt auch, dass Computerspiele häufig negative soziale Auswirkungen in verschiedenen Bereichen haben:

  • fast die Hälfte (46 Prozent) der Befragten vernachlässigen soziale Kontakte zu Freunden oder zu Familienangehörigen, die ihnen früher wichtigen waren.
  • vier von zehn (40 Prozent) der Befragten hat wegen der Nutzung von Computerspielen Streit mit den Eltern.
  • gut jeder Sechste (16 Prozent) der Befragten nimmt wegen der Nutzung von Computerspielen nicht an gemeinsamen Mahlzeiten teil.

Frage 2: Was raten Sie besorgten Eltern?

Zuerst einmal sollten Eltern auf Warnsignale achten. Denn die ersten Anzeichen für einen übermäßigen Computerspielgebrauch werden häufig von den Betroffenen selbst gar nicht bemerkt oder lange Zeit nicht als störend empfunden. Ein Hinweis von vielen, der auf eine Abhängigkeit deuten kann ist, dass der Jugendliche weniger schläft und bis spät in die Nacht hinein am Computer sitzt. Häufig wird auch die Schule vernachlässigt. Ein anderes Indiz ist die Launenhaftigkeit. Betroffene Jugendliche sind launisch, wütend, aggressiv, depressiv verstimmt, vielleicht sogar ängstlich. Letzteres vor allem, wenn kein Internet- oder Computer-Zugang besteht. Betroffene verhandeln immer wieder vehement über Computer-Zeiten, sie werden laut, drohen oder schalten nachts heimlich den Computer an.

Nun die gute Nachricht: Es gibt konkrete Handlungsempfehlungen für Eltern. Eltern sollten:

  • ihre Kinder zu einem möglichst sicheren und verantwortungsbewussten Umgang mit dem Internet und Computerspielen anleiten: Dazu ist es wichtig, dass Eltern informiert sind über den Spielinhalt, das Suchtpotential und die Alterskennzeichnung.
  • Interesse zeigen – hilfreich ist, Spielmotive, Vorlieben und Spielverhalten zu ergründen.
  • Grenzen setzen und festlegen wann, wo und was gespielt werden darf.
  • Alternativen anbieten, zum Beispiel Vorschläge machen für eine ausgewogene Freizeitgestaltung, die für den Jugendlichen mit positiven Erlebnissen verknüpft ist. In diesem Zusammenhang sollten Eltern ihren Kindern auch Möglichkeiten zum Stressabbau aufzeigen.

Interessant könnten für Eltern auch die Vorgaben vom Internationalen Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen sein. Demnach:

  • beträgt die empfohlene Nutzungsdauer (PC, Spielkonsolen) maximal 45 Minuten am Tag für Kinder zwischen sieben und zehn Jahren, eine Stunde dürfen 11 bis 13-Jährige und maximal 1,5 Stunden am Tag Kinder ab 14 Jahren.
  • können Kinder ab 12 Jahren einen eigenen PC im Zimmer haben, wenn Regeln zur Nutzung vereinbart werden (zum Beispiel nicht nachts spielen).
  • bekommen Kinder unter acht Jahren keinen Internetzugang, ab acht Jahren nur unter Aufsicht und ab 12 Jahren auch alleine.
  • dürfen Kinder unter acht Jahren nicht chatten, ab acht Jahren nur kontrolliert und nur im Rahmen geeigneter Angebote und ab elf Jahren allein, wenn Regeln vereinbart wurden.

Frage 3: Welche gesetzlichen Regelungen könnten die Wahrscheinlichkeit einer Internet-/Computerspielabhängigkeit verringern?

Kinder und Jugendliche bedürfen eines besonderen Schutzes vor einer unkontrollierten und exzessiven Nutzung von Computerspielen. Darum müssten bei der Altersbewertung von Online-Spielen Kriterien für Spiele berücksichtigt werden, die eine hohe Spielbindung und ein definiertes Suchtpotenzial erwarten lassen. Zudem muss die Altersfreigabe ‚Ab 0 Jahren‘ kritisch gesehen werden. Altersfreigaben sollten frühestens ab drei Jahren erfolgen. Und auch die Bewerbung von Angeboten für Kinder und Jugendliche mit einem unklarem oder sogar erwiesenem Suchtpotential sollte unzulässig sein.

Woran Sie eine Internetsucht erkennen, wie Sie sie vorbeugen und bekämpfen können, erfahren Sie in unserem Special Internetsucht.

*Für die Untersuchung hat das Forsa-Institut 1.500 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt. Grundlage sind wissenschaftliche Kriterien aus Amerika.

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Zuletzt aktualisiert:
Thu Dec 01 14:11:14 CET 2016
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