Wem die Abnehmspritze wirklich hilft: Wirkung, Nebenwirkungen & Risiken

Sogenannte Abnehmspritzen versprechen schnelle Erfolge, ohne anstrengende Workouts oder mühsame Diäten. Ganz so einfach ist es allerdings nicht: Die Präparate können nachweislich beim Abnehmen helfen, greifen aber gezielt in körperliche Prozesse ein und können Nebenwirkungen verursachen. Experte Prof. Dr. med. Matthias Laudes erklärt die wichtigsten Fragen zu Abnehmspritzen.
Vorab: Wie kommt es zu Übergewicht?
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Wie wirkt die Abnehmspritze?
Die Abnehmspritzen dämpfen das Hungergefühl, das Sättigungsgefühl setzt schneller ein und auch Heißhungerattacken bleiben aus. Man hat also insgesamt weniger Lust, etwas zu essen und fühlt sich auch schneller satt. Dadurch isst man weniger, was dazu führt, Gewicht zu verlieren. Diese Effekte gehen auch auf die Wirkung eines Hormons zurück.
„Abnehmspritze“ ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Medikamente mit den Wirkstoffen Semaglutid, Tirzepatid, Dulaglutid, Exenatid oder Liraglutid. Wir verwenden hier den umgangssprachlichen Begriff, damit der Text einfacher verständlich ist.
Forschende haben herausgefunden, dass neben dem Hormon Leptin ein zweites Hormon ebenfalls ein Sättigungsgefühl auslöst: Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1). Die Wirkstoffe der Abnehmspritzen – Semaglutid, Tirzepatid, Dulaglutid, Exenatid oder Liraglutid – ahmen dieses körpereigene Hormon nach. Sie fungieren als sogenannte GLP-1- und GIP-Rezeptor-Agonisten. Sie binden an einen Rezeptor und aktivieren ihn, sodass eine ähnliche biologische Wirkung wie beim körpereigenen Botenstoff entsteht.
Die Effekte der Wirkstoffe Semaglutid & Tirzepatid sind ebenfalls für Menschen, die abnehmen wollen attraktiv. Adipöse Menschen können mit der „Fettwegspritze“ bis zu 20 Prozent ihres Körpergewichts verlieren. Wer also zum Beispiel vor der Behandlung 100 kg wiegt, kann bis zu 20 kg Körpergewicht verlieren. Betrachtet werden hierbei Zeiträume von rund 14 bis 18 Monate. Allerdings bleibt häufig außer Acht, dass die Abnehmspritze für die Langzeitbehandlung vorgesehen ist.
Was passiert, wenn man die Abnehmspritze wieder absetzt?
Nach Absetzen des Medikaments ist die Gefahr hoch, wieder das Ursprungsgewicht zu erreichen. Die Medikamente können Appetit und Sättigungsgefühl beeinflussen. Sie führen aber nicht automatisch zu einer dauerhaften Veränderung der Gewohnheiten und Verhaltensmuster, die zur Gewichtszunahme beigetragen haben.
Für eine nachhaltige, langfristige Gewichtsabnahme und den Therapieerfolg sind folgende Aspekte entscheidend: Eine Lebensstiländerung in Form einer kalorienreduzierten, angepassten Ernährung, verstärkte körperliche Aktivität sowie gegebenenfalls einer verhaltenstherapeutischen Unterstützung.
Wird die medikamentöse Behandlung beendet, kann es daher – insbesondere ohne begleitende und langfristig etablierte Lebensstiländerungen – zu einer erneuten Gewichtszunahme kommen. Abnehmspritzen sollten deshalb als Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts verstanden werden: Sie können eine Lebensstiländerung unterstützen, sie aber nicht ersetzen.
Dabei geht es nicht darum, von heute auf morgen alles zu verändern. Entscheidend ist, einen Weg zu finden, der zur persönlichen Situation passt und sich langfristig in den Alltag integrieren lässt.
Für wen ist die Abnehmspritze sinnvoll?
- Eine Ernährungsberatung unterstützt Betroffene dabei, gesünder zu essen. Das hilft nicht nur beim Abnehmen, sondern auch, das Gewicht zu halten.
- Ein Bewegungsprogramm erhöht die Fitness der Patientinnen und Patienten. Wer mehr Muskeln aufbaut, regt langfristig seinen Stoffwechsel an.
- Eine Verhaltensänderung sorgt schließlich dafür, erlernte, ungesunde Routinen loszuwerden und ein gesünderes Verhalten langfristig beizubehalten.
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Besondere Fälle: sehr stark ausgeprägte Adipositas
Für wen die Abnehmspritze auch noch sinnvoll sein kann
Neben diesen Extremfällen sieht Experte Laudes den Einsatz von Medikamenten bei einer weiteren Patientengruppe ebenfalls positiv: Personen mit Adipositas und einem hohen Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen: „Patienten und Patientinnen, die nicht nur eine Adipositas, sondern auch ein extremes kardiovaskuläres Risiko haben. Die profitieren sogar doppelt: Sie können die Lebensstiländerung besser umsetzen und auch ihr Herzinfarktrisiko sinkt.“ Die SELECT-Studie des Pharmaunternehmens Novo Nordisk, die 2023 veröffentlicht wurde zeigt, dass Semaglutid das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich reduzieren kann. Die Studie muss man kritisch einordnen, da Novo Nordisk Hersteller von Semaglutid ist, das in den Mitteln Wegovy und Ozempic enthalten ist.
Arzt Laudes ist es indes wichtig, zu differenzieren: „Der Patient oder die Patientin sollte vor der Adipositas-Behandlung immer erstmal beim Endokrinologen [Anmerkung der Redaktion: Facharzt für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen], beim Internisten und auch beim Psychologen untersucht werden. In den meisten Fällen handelt es sich zwar um eine primäre Adipositas – aber es gibt doch auch immer wieder Menschen, bei denen das Übergewicht andere Ursachen hat.“
Welche Nebenwirkungen hat die Abnehmspritze?
Auch wenn die Abnehmspritzen häufig wie eine unkomplizierte Abkürzung zum Wunschgewicht wirken: Es handelt sich um wirksame Arzneimittel, bei denen Nebenwirkungen auftreten können. Die Abnehmspritze hat vor allem Nebenwirkungen, die die Verdauung betreffen. Experte Laudes erklärt: „Man muss sich klarmachen, dass es sich hier um ein körpereigenes Hormon handelt. Das ist ein Signal, das normalerweise nur wenige Minuten anhält und das besteht jetzt für eine Woche. Die Nebenwirkungen entwickeln sich daher aus der Wirkung des Hormons heraus.“
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen:
- Übelkeit
- Erbrechen
- Bauchschmerzen
- Verstopfung
- Durchfall
- Sodbrennen
Je nach Wirkstoff und Wirkstoffkombination kann es auch noch zu weiteren Nebenwirkungen kommen. Wie gut ein Präparat vertragen wird, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Deshalb sollte die Behandlung ärztlich begleitet werden.
Manchmal kann eine gefährliche Entzündung der Bauchspeicheldrüse auftreten. Die Einschätzung von Adipositas-Experte Laudes: „Das ist extrem selten. Das trifft vor allem schlecht eingestellte Diabetikerfälle.“
Warum gibt es Kritik an der Abnehmspritze?
Mediziner und Medizinerinnen wie die Experten der Deutschen Adipositas Gesellschaft haben positive Erfahrungen mit den Abnehmspritzen gemacht. Dennoch gibt es zwei entscheidende Punkte, bei denen die Kritik ansetzt:
Keine Diät für die breite Bevölkerung
Erstens ist die Abnehmspritze keine Diät für die Allgemeinheit. Auch Laudes zieht hier klar Grenzen: „Wenn jemand nur mäßiges Übergewicht hat, dann ist die Sättigungsregulationsstörung in der Regel nicht so stark. Die können normalerweise mit einer Lebensstiländerung gut abnehmen. Die Abnehmspritze ist gut für die Patientinnen und Patienten, die sich wirklich bemühen, aber es einfach nicht hinkriegen.“
Abnehmspritzen sind nicht die einfache Lösung
Zweitens ist auch die Abnehmspritze nicht „der einfache Weg“, um schnell Gewicht zu verlieren. Sie kann immer nur als Einstieg oder Ergänzung zu einem effektiven Abnehmprogramm dienen. Ohne Ernährungsumstellung werden Sie vielleicht kurzfristig abnehmen – aber die Kilos sind schnell wieder da. Zudem sind die Abnehmspritzen – und auch Abnehmtabletten – eine dauerhafte oder langfristige Behandlung. Viele Personen steigen jedoch bereits nach einem Jahr aus der Therapie aus und erleben dann, dass sie schneller zunehmen als vor der Behandlung.
Die Medikamente ändern außerdem nichts an der Kalorienmenge, die Betroffene zu sich nehmen können: „Wenn jemand zwar satt ist, aber er oder sie trinkt beispielsweise weiter extrem viele stark gesüßte Getränke, dann wirken die Medikamente nicht gut oder gar nicht,“ gibt Prof. Dr. Laudes zu bedenken.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten der Abnehmspritze?
Nein, Arzneimittel zur Gewichtsreduktion fallen rechtlich in die Kategorie der sogenannten „Lifestyle-Arzneimittel“. Werden Arzneimittel zur Gewichtsabnahme oder zur Regulierung des Körpergewichts eingesetzt, dürfen gesetzliche Krankenkassen die Kosten grundsätzlich nicht übernehmen. Das ist gesetzlich so festgeschrieben. Die Kosten von mehreren Hundert Euro pro Monat müssen Anwender und Anwenderinnen also selbst tragen. Das gilt sowohl für Abnehmspritzen als auch für Abnehmpillen.
Eine wichtige Ausnahme: Typ-2-Diabetes
Die Wirkstoffe Semaglutid und Tirzepatid ahmen natürliche Darmhormone nach, die nach der Nahrungsaufnahme die Bauchspeicheldrüse anregen, mehr Insulin auszuschütten. In der Folge kommt es zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels. Durch den Effekt der langsameren Magenentleerung geht der Zucker aus der Nahrung darüber hinaus langsamer ins Blut über.
Entsprechend ihrer blutzuckerregulierenden Wirkung besitzen beide Wirkstoffe auch eine Zulassung für Typ-2-Diabetes – Semaglutid in diesem Anwendungsgebiet beispielsweise unter dem Produktnamen „Ozempic“. Bei einer gesicherten Typ-2-Diabetes-Diagnose und einer ärztlichen Verordnung im zugelassenen Anwendungsgebiet kann eine Kostenübernahme möglich sein.
Vorsicht vor Fälschung der Abnehmspritze!
Wer sparen will, kann sich schnell in Gefahr bringen. Unseriöse Online-Anbieter versprechen rezeptfreie und günstigere Angebote. Betrüger verkaufen gefälschte Abnehmspritzen, die Insulin enthalten und zu einer lebensgefährlichen Unterzuckerung führen können. Wer mit der Abnehmspritze Gewicht reduzieren will, sollte dies daher immer in enger ärztlicher Betreuung tun.
Was kann ich jetzt tun?
Wenn du dich fragst, ob die Abnehmspritze für dich infrage kommt, solltest du mir deiner Ärztin oder deinem Arzt sprechen. Gemeinsam könnt ihr klären, ob eine medikamentöse Therapie für dich sinnvoll ist. Falls ja, könnt ihr dann besprechen, welches Medikament medizinisch geeignet ist, welche Risiken berücksichtigt werden müssen und welche weitere Unterstützung zu dir passt.
Häufige Fragen zu Abnehmspritzen
Sie haben noch weitere Fragen zur Abnehmspritze? Hier finden Sie noch mehr Antworten.
Welche Lebensmittel wirken wie die Abnehmspritze?
Wie viel kostet die Abnehmspritze?
Gibt es die Abnehmspritze auch als Abnehmpille?
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