ADHS in Thüringen: Weniger Neudiagnosen bei Kindern

  • Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose 

  • Neuerkrankungen sinken um 9 Prozent, bei Jungen sogar um 11 Prozent

  • DAK-Landeschef Kaiser fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel

Erfurt, 14. September 2026. Weniger Kinder und Jugendliche haben in Thüringen erstmals die Diagnose ADHS erhalten. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die Erstdiagnosen 2024 um neun Prozent zurück. Hochgerechnet erhielten damit landesweit rund 3.800 junge Menschen erstmals die Diagnose ADHS. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Thüringen. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen erhielten etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Während die Zahl der Neudiagnosen bei Jungen im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent zurückging, sank sie bei Mädchen um 6 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Thüringen 5,0 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Marcus Kaiser, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.  

„Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und unterstützen. Nur so können Belastungen früh erkannt und betroffene Kinder und Jugendliche gezielt begleitet werden, bevor sich Probleme verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Marcus Kaiser. „Wichtig ist, dass Gesundheitswesen, Jugendhilfe, Familien und Schulen eng zusammenarbeiten und Unterstützungsangebote gut aufeinander abgestimmt sind. Ein großes Potenzial liegt dabei in der Schule, weil wir dort alle Kinder und Jugendlichen erreichen können.“

Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Thüringen ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 17.700 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Thüringen versichert sind. Analysiert wurden rund 930.000 Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024.

Hochgerechnet 3.800 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Thüringen laut DAK-Kinder- und Jugendreport 13,4 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 3.800 jungen Menschen. Gegenüber 2023 gingen die Erstdiagnosen um 9 Prozent zurück. Die Entwicklung verlief jedoch nicht in allen Altersgruppen gleich: Während die Zahl der Neudiagnosen bei Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren um 12 Prozent zunahm, ging sie in den übrigen Altersgruppen zurück. Die meisten ADHS-Erstdiagnosen entfielen mit 18,1 Neuerkrankungen je 1.000 Kinder auf Grundschulkinder im Alter von 5 bis 9 Jahren.

ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass Jungen 2024 in Thüringen fast doppelt so häufig eine ADHS-Neudiagnose erhalten haben wie Mädchen. So bekamen 17,1 Jungen und 9,3 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 2.500 Jungen und 1.300 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die Neudiagnosen bei Jungen um 11 Prozent und bei Mädchen um 6 Prozent zurück.

Expertinnen: Hoher Bedarf trotz sinkender Neudiagnosen
„Die Zahlen zeigen, dass ADHS bei Kindern und Jugendlichen in unserer Region insgesamt etwa genauso häufig diagnostiziert wird wie im Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig gibt es bei den Neudiagnosen einen Rückgang entgegen dem bundesweiten Trend. Diese Entwicklung sollte man nicht automatisch als Zeichen dafür werten, dass der Versorgungsbedarf sinkt“, sagt Manuela Rabe, 2. Vorsitzende des Landesverbands Thüringen des BVKJ sowie Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Psychotherapie. “Das erleben wir auch ganz konkret in unserer Region. Seit über einem Jahr gibt es deutliche Einschränkungen in der Versorgung durch die Psychiatrische Institutsambulanz. Auch in der kinderärztlichen Praxis bestehen lange Wartezeiten für eine ausführliche ADHS-Diagnostik. Deshalb sollten wir genauer hinschauen, ob tatsächlich weniger ADHS-Fälle neu erkannt werden oder ob betroffene Kinder und Jugendliche die notwendige Diagnostik zunehmend schwerer erreichen. Einen geringeren Bedarf an kinderärztlicher oder kinder- und jugendpsychiatrischer Versorgung würde ich aus diesen Daten nicht ableiten“, sagt Manuela Rabe, 2. Vorsitzende des Landesverbands Thüringen des BVKJ sowie Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Psychotherapie.

„Aus meiner Praxiserfahrung spielen die verfügbaren Diagnostikplätze bei der Einordnung der aktuellen Entwicklung eine wichtige Rolle. Aus Kapazitätsgründen kann ich aktuell deutlich weniger Diagnostik bei Schulkindern durchführen und lege den Schwerpunkt auf Vorschulkinder“, erklärt Dr. med. Heike Reichelt, Vorsitzende des Landesverbands Thüringen des BVKJ sowie Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Neuropädiatrie. „Deshalb sollten rückläufige Neudiagnosen nicht automatisch mit einem geringeren Bedarf an Diagnostik und Unterstützung gleichgesetzt werden.“

ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 5,0 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren wurden 2024 in Thüringen mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 14.000 jungen Menschen. Von ihnen erhielt knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmals eine ADHS-Diagnose. Rund 44 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen erhielten eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während etwa 46 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, waren es bei Mädchen rund 40 Prozent. 

Vergleichsweise hohe Betroffenheit in Thüringen
Bei der Krankheitshäufigkeit liegt Thüringen mit 5,0 Prozent deutlich über Sachsen (3,5 Prozent) und nahezu auf dem Niveau des Bundesdurchschnitts von 5,2 Prozent. Die Sonderanalyse zeigt zugleich, dass sich die ADHS-Neudiagnosen in Thüringen entgegen dem Bundestrend entwickelt haben. Im Vergleich zum Vorjahr sanken die Erstdiagnosen im Freistaat um 9 Prozent, bundesweit stiegen sie um 16 Prozent.

ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen. Weitere Informationen: dak.de/adhs

Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.

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