Mehr ADHS-Neudiagnosen bei Kindern in Schleswig-Holstein

  • Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose 

  • Neuerkrankungen steigen um 24 Prozent, bei Mädchen sogar um 32 Prozent

  • DAK-Landeschef Lubinski fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel

Kiel, 31. August 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Schleswig-Holstein eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 24 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 7.200 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Schleswig-Holstein. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen mehr als doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 32 Prozent stärker an als bei Jungen mit 21 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Schleswig-Holstein 4,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef  Cord-Eric Lubinski, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.  

„Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Cord-Eric Lubinski. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“

Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Schleswig-Holstein ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. 

Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 45.600 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Schleswig-Holstein versichert sind. Analysiert wurden rund 2,4 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neuerkrankungen erkennbar. 

Hochgerechnet 7.200 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Schleswig-Holstein laut DAK-Kinder- und Jugendreport 17,5 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 7.200 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 24 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Grundschulkindern im Alter zwischen fünf und neun Jahren mit einem Zuwachs von 39 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 24,9 von 1.000 Grundschulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 19,5. 

Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Schleswig-Holstein mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 23,1 Jungen und 11,5 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 4.900 Jungen und 2.300 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 32 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut 21 Prozent. 

UKSH-Experte: frühzeitige Diagnostik von großer Bedeutung
„Wir sehen in unserem Versorgungsauftrag viele Jugendliche, die infolge einer lange unerkannten und unbehandelten Aufmerksamkeitsstörung erhebliche Folgeprobleme entwickeln – etwa Substanzmissbrauch, Verhaltensstörungen, schulisches Scheitern oder Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen“, so Dr. Manuel Munz, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Chefarzt am Zentrum für Integrative Psychiatrie in Kiel. „Gerade bei Mädchen kann eine ADHS lange unerkannt bleiben und sich hinter anderen psychischen Symptomen und Bewältigungsstrategien verbergen; nicht selten stehen zunächst beispielsweise Essstörungssymptome, Ängste oder zwanghafte Verhaltensweisen im Vordergrund. Eine frühzeitige, leitliniengerechte Diagnostik und suffiziente Behandlung der ADHS, die alle für die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen relevanten Akteure einbezieht, ist deshalb auch für die Prävention sekundärer psychiatrischer und psychosozialer Folgeprobleme von großer Bedeutung.

Im klinischen Alltag ist es eindrücklich zu erleben, wie deutlich diese Kinder und Jugendlichen von einer guten Behandlung profitieren können: Der Alltag in den Familien stabilisiert sich, schulische Anforderungen werden wieder besser bewältigbar, und in Freundschaften und anderen sozialen Beziehungen werden wieder positive Erfahrungen möglich.“

ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 4,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 in Schleswig-Holstein mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 19.100 jungen Menschen im Norden – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Knapp 52 Prozent von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 55 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, sind es bei Mädchen rund 43 Prozent. 

Vergleichsweise hohe Betroffenheit in Schleswig-Holstein
Die Sonderanalyse zeigt, dass in Schleswig-Holstein mehr Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose erhielten als im Bundesschnitt. Gab es im Norden 2024 einen Anstieg um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern stiegen die Erstdiagnosen um lediglich elf Prozent. Auch bei der Krankheitshäufigkeit liegt Schleswig-Holstein vor dem Nordosten (4,9 Prozent zu 4,4 Prozent), allerdings unter dem Bundeschnitt von 5,2 Prozent.

ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.

Weitere Informationen: dak.de/adhs

Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.

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