ADHS: Mehr Neuerkrankungen bei Kindern in Bremen

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten mehr als doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neuerkrankungen steigen um 18 Prozent, bei Jungs sogar um 38 Prozent
DAK-Landeschef Rühe fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel
Bremen, 5. Oktober 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Bremen eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 18 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 1.600 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Bremen und Bremerhaven. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen mehr als doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Die Anzahl der Neudiagnosen bei Jungs hatten einen Zuwachs von 38 Prozent, während bei den Mädchen ein Rückgang von 16 Prozent zu verzeichnen war. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Bremen 3,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Damit ist die Krankheitshäufigkeit geringer als im Bund und Niedersachsen. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Michael-Niklas Rühe, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Michael-Niklas Rühe. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Bremen und Bremerhaven ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 4.800 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Bremen versichert sind. Analysiert wurden rund 252.000 Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neuerkrankungen erkennbar.
Hochgerechnet 1.600 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Bremen und Bremerhaven laut DAK-Kinder- und Jugendreport rund 15 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet etwa 1.600 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 18 Prozent. Der Anstieg, fällt bei Grundschulkindern im Alter zwischen fünf und neun Jahren mit einem Zuwachs von 63 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 22 von 1.000 Grundschulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 18.
Expertin: Versorgung neu denken
„Der BVKJ begrüßt die DAK-Auswertung zur Inzidenz und Medikamentenverordnung bei Kindern und Jugendlichen in Bremen. Die Betreuung der betroffenen Patienten erfordert eine interdisziplinäre Koordination und stellt die pädiatrischen Praxen vor große Herausforderungen. Unter den insgesamt zunehmenden „neuen Morbiditäten“ spielen die Aufmerksamkeitsstörungen eine besondere Rolle“, so die Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Bremen, Dr. Claudia Karsten. „Wir müssen Versorgung neu denken und brauchen strukturierte, multiprofessionelle Settings in der ambulanten Pädiatrie, klare diagnostische Pfade und ausreichend Zeitressourcen für Gespräche mit Familien und Schulen. Die Zunahme der diagnostizierten Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen zeigt die große Herausforderung für unsere Praxen. Der Rückgang von ADS bei Mädchen könnte damit zusammenhängen, dass bei Mädchen die Hyperaktivität bei der Aufmerksamkeitsstörung oft fehlt und sie dann – trotz Behandlungsbedarf – teilweise übersehen werden“, so Karsten weiter.
ADHS-Krankheitshäufigkeit geringer als im Bund und in Niedersachsen
Der DAK-Kinder- und Jugendreport untersucht auf der einen Seite die Neuerkrankungen und auf der anderen Seite die Krankheitshäufigkeit. Hier zeigen sich im Vergleich von Bremen und dem Bund und Niedersachsen unterschiedliche Trends. So lag die Neuerkrankungsrate 2024 mit 18 Prozent in Bremen über dem Bundesdurchschnitt von 16 Prozent. In Niedersachsen stiegen die Erstdiagnosen um lediglich 13 Prozent. Gleichzeitig ist die Krankheitshäufigkeit in Bremen geringer als im Bund und in Niedersachsen: 2024 wurden 3,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen an der Weser mit einer ADHS-Diagnose versorgt. Im Bund waren es 5,2 Prozent, in Niedersachen sogar 6,1 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten, davon rund 33.000 in Bremen, eine der größten Krankenkassen Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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