ADHS: Mehr Neuerkrankungen bei Kindern in Brandenburg

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neuerkrankungen steigen um 18 Prozent, bei Mädchen sogar um 28 Prozent
DAK-Landeschefin Grubitz fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel
Potsdam, 26. August 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Brandenburg eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 18 Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 5.800 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Brandenburg. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 28 Prozent stärker an als bei Jungen mit 13 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Brandenburg 4,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschefin Anke Grubitz, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschefin Anke Grubitz. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Brandenburg ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 44.100 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Brandenburg versichert sind. Analysiert wurden rund 2,3 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neuerkrankungen erkennbar.
Hochgerechnet 5.800 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten in Brandenburg laut DAK-Kinder- und Jugendreport 16 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 5.800 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 18 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Grundschulkindern im Alter zwischen fünf und neun Jahren mit einem Zuwachs von 24 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 22,8 von 1.000 Grundschulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 18,4.
Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Brandenburg etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 21,2 Jungen und 10,5 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 3.900 Jungen und 1.800 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 28 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut 13 Prozent.
Zusammenspiel von Elternhaus, Schule und allen medizinischen Fachkräften entscheidend
„Die steigenden ADHS-Diagnosen sollten meiner Meinung nach zunächst weder bagatellisiert noch dramatisiert werden. Sie können einerseits darauf hindeuten, dass mehr Kinder und Jugendliche betroffen sind, andererseits aber auch Ausdruck einer besseren Wahrnehmung und Diagnostik sein, insbesondere bei Mädchen, deren Symptome lange Zeit häufig übersehen wurden“, sagt Steven Rohbeck, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin (Zusatzqualifikation Psychosomatische Grundversorgung und Obmann des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für Potsdam. „In meiner täglichen Praxis sehe ich mit Sorge, dass auch ein dysregulierter Medienkonsum zunimmt. Dieser führt zwar nicht zu ADHS, kann aber Konzentrationsprobleme, Impulsivität, Schlafstörungen und emotionale Dysregulation verstärken und dadurch ADHS-ähnliche Symptome fördern oder bestehende Beschwerden verschlechtern. Umso wichtiger ist eine sorgfältige kinderärztliche Diagnostik, die zwischen einer tatsächlichen ADHS und anderen Ursachen von Aufmerksamkeits- und Verhaltensauffälligkeiten unterscheidet. Nur so können wir jedem Kind die Unterstützung bieten, die es wirklich braucht. Entscheidend ist dabei ein enges Zusammenspiel von Elternhaus, Schule und allen medizinischen Fachkräften.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 4,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 in Brandenburg mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 17.700 jungen Menschen in Brandenburg – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Gut 40 Prozent von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 44 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, sind es bei Mädchen etwa 33 Prozent.
Vergleichsweise hohe Betroffenheit in Brandenburg
Die Sonderanalyse zeigt, dass in Brandenburg mehr Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose erhielten als im Bundesschnitt. Gab es in der Mark 2024 einen Anstieg um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent. In Berlin stiegen die Erstdiagnosen um lediglich zwölf Prozent. Auch bei der Krankheitshäufigkeit liegt Brandenburg vor Berlin (4,9 Prozent zu 4,5 Prozent), allerdings unter dem Bundeschnitt von 5,2 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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Stefan Poetig
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