Pandemie-Folgen: Immer mehr Kinder in Baden-Württemberg kämpfen langfristig mit Angst

- DAK-Kinder- und Jugendreport: Angststörungen bei jugendlichen Mädchen steigen seit 2019 um 55 Prozent
- Plateau-Bildung auch bei Depressionen und Essstörungen auf hohem Niveau
- DAK-Landeschef Euerle mahnt umfassende Initiativen zur Stärkung der mentalen Gesundheit an
Stuttgart, 14. Januar 2026. Für zahlreiche junge Menschen in Baden-Württemberg sind die Schatten der Pandemie und der Krisenjahre weiter präsent. Sie kämpfen heute mit psychischen Problemen, die nicht mehr einfach verfliegen. Das zeigt der neue DAK-Kinder- und Jugendreport zu Angststörungen, Depressionen und Essstörungen. Im Fokus der wissenschaftlichen Studie stehen Baden-Württemberger Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren, da sich hier die größten Anstiege zeigen: 2024 waren rund 61 von 1.000 DAK-versicherten jugendlichen Mädchen mit einer Angststörung in Behandlung, womit hochgerechnet landesweit rund 9.500 junge Frauen betroffen waren. Im Vergleich zu 2019 ist dies ein Anstieg um 55 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl chronischer Angststörungen um 143 Prozent. Experten sehen in den Ergebnissen des Reports ein „Erbe der Pandemie“, da auch andere psychische Probleme dauerhaft behandelt werden müssten. Bei jugendlichen Mädchen im Südwesten sind die Fallzahlen von Depressionen und Essstörungen ebenfalls erhöht. Nach einem Anstieg bis 2021 stabilisiert sich die Häufigkeit dieser Diagnosen auf einem hohen Niveau mit einer Plateau-Bildung.
„Die aktuellen Ergebnisse des DAK-Kinder- und Jugendreports zeigen, wie hartnäckig die psychischen Folgen der Pandemie bei jungen Menschen in Baden-Württemberg geblieben sind. Entgegen früheren Hoffnungen gehen Ängste, Depressionen und Essstörungen nicht einfach zurück, sondern stabilisieren sich auf einem hohen Niveau – besonders bei Mädchen. Das ist ein ernstes Warnsignal“, sagt Siegfried Euerle, DAK-Landeschef in Baden-Württemberg. „Psychische Erkrankungen im Jugendalter wirken oft lange nach und belasten später Ausbildung, Familie und Berufsleben. Deshalb brauchen wir in Baden-Württemberg jetzt umfassende Initiativen zur Stärkung der mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.“
Angststörungen chronifizieren sich bei jugendlichen Mädchen
Laut DAK-Kinder- und Jugendreport für Baden-Württemberg sind jugendliche Mädchen von Angststörungen besonders betroffen. So hat sich die Chronifizierung von Angststörungen bei ihnen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie mehr als verdoppelt: 2019 mussten rund 6 von 1.000 Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren jedes Quartal mit einer Angststörung ambulant oder stationär behandelt werden. 2024 waren es rund 14 je 1.000 jugendliche Mädchen. Das entspricht einer Steigerung von 143 Prozent. Zudem haben sich die Komorbiditäten, also ein gleichzeitiges Auftreten zweier psychischer Erkrankungen bei jungen Patientinnen, ebenfalls verdoppelt. Die Zahl jugendlicher Mädchen, die zeitgleich an einer Angststörung und einer Depression litten, erhöhte sich 2024 im Vergleich zu 2019 um rund 101 Prozent.
Experten sehen Erbe der Pandemie
„Die Zahlen des DAK-Kinder- und Jugendreports machen das Erbe der Pandemie sichtbar. Wir sehen eine leider anhaltende Häufung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen“, so Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Vorstand des Klinikums Stuttgart. Emotional instabile Entwicklungen und internalisierendes Verhalten mit sozialem Rückzug, Angststörung und Depression haben vor allem bei Mädchen stark zugenommen. Resilienz- und Schutzfaktoren konnten oft nicht ausreichend entwickelt werden. Die in der Pandemie gestiegene Nutzung sozialer Medien sei ein zusätzlicher Risikofaktor. „Hier sind Mädchen vulnerabler als Jungen“, so Jürgensen weiter. „Sie sehen Körperbilder, Glücks- und Zufriedenheitsideale, die kaum erfüllt werden können. Das erhöht das Stresslevel und kann die Ausprägung psychischer Erkrankungen vertiefen.“
Plateau-Bildung bei Angststörungen seit 2021
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt für Baden-Württemberg, dass 2024 rund 22 von 1.000 DAK-versicherten Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 17 Jahren mit einer Angststörung behandelt wurden. Das entspricht hochgerechnet landesweit rund 31.000 Kindern und Jugendlichen. Eine Plateau-Bildung zeigt sich besonders deutlich bei jugendlichen Mädchen: 2024 mussten rund 61 von 1.000 baden-württembergischen Mädchen mit einer Angststörung ambulant oder stationär versorgt werden, insbesondere mit sozialen Phobien und Panikstörungen. Hochgerechnet waren es landesweit rund 9.500 Teenagerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren. Im Vergleich mit dem letzten Vorpandemiejahr 2019 ist das ein Plus von 55 Prozent.
Als erste Krankenkasse in Baden-Württemberg hat die DAK-Gesundheit ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf Angststörungen, Depressionen und Essstörungen für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 86.800 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Baden-Württemberg versichert sind. Untersucht wurde das Zeitfenster von 2019 bis 2024 mit insgesamt rund 4,6 Millionen ambulanten Arzt- und Therapeutenbesuchen, Krankenhausaufenthalten und Arzneimittelverschreibungen. Der Fokus der Analyse lag auf der Altersspanne fünf bis 17 Jahre und insbesondere auf jugendlichen Mädchen.
Depressionen und Essstörungen weiter auf hohem Niveau
Ein ähnlicher Trend zu einer Plateau-Bildung zeigt sich im Südwesten auch mit Blick auf Depressionen und Essstörungen. So stiegen die Behandlungszahlen jugendlicher Mädchen mit Depressionen 2024 im Vergleich zu 2019 um gut 35 Prozent, bei Essstörungen um etwa 43 Prozent. Seit 2021 verharren die Zahlen nahezu unverändert auf der gleichen Höhe. 2024 waren in Baden-Württemberg hochgerechnet rund 10.000 jugendliche Mädchen mit einer Depression in Behandlung. Im Falle von Essstörungen waren es etwa 3.000 Teenagerinnen zwischen 15 und 17 Jahren.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands, davon rund 620.000 Baden-Württemberg, und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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(Copyright: DAK-Gesundheit/Gettyimages_Dmitriy Bilous)
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Daniel Caroppo
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