ADHS: Mehr Neudiagnosen bei Kindern in Baden-Württemberg

Sonderanalyse DAK-Kinder- und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Neudiagnosen steigen um elf Prozent, bei Mädchen sogar um 16 Prozent
DAK-Landeschef Euerle fordert Zusammenspiel und Vernetzung – Schule als zentraler Hebel
Stuttgart, 07. Oktober 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Baden-Württemberg eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um elf Prozent. Hochgerechnet wurde somit landesweit bei rund 27.600 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit für Baden-Württemberg. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 16 Prozent stärker an als bei Jungen mit acht Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass in Baden-Württemberg 5,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Landeschef Siegfried Euerle, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen in Baden-Württemberg ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Landeschef Siegfried Euerle. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit in Baden-Württemberg ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 86.800 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Baden-Württemberg versichert sind. Analysiert wurden rund 4,6 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die starken Anstiege der ADHS-Neudiagnosen erkennbar.
Hochgerechnet 27.600 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten im Südwesten laut DAK-Kinder- und Jugendreport 16,8 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 27.600 jungen Menschen. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von elf Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Schulkindern im Alter zwischen zehn und 14 Jahren mit einem Zuwachs von 23 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 18,0 von 1.000 Schulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 14,6.
Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 in Baden-Württemberg etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 21,7 Jungen und 11,6 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 18.300 Jungen und 9.300 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 16 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit acht Prozent.
Prof. Jürgensen vom Klinikum Stuttgart: „ADHS wird früher erkannt“
„Mehr ADHS-Diagnosen bedeuten nicht automatisch mehr ADHS. Ärzte sind heute sensibler, schauen genauer hin und denken früher an ADHS. Das ist gut. Je früher wir behandeln können, desto besser lernen die Betroffenen, wie sie mit der Erkrankung umgehen können. Das Behandlungsspektrum ist heute viel breiter und medikamentöse Ansätze nicht vorrangig“ sagt Prof. Jan Steffen Jürgensen, Vorstand im Klinikum Stuttgart und ergänzt. „Viele Kinder und Jugendliche wachsen in einem Umfeld auf, das einen Nährboden für ADHS bietet. Von den Spätfolgen der Pandemie über den negativen Einfluss sozialer Medien und ständiger digitaler Präsenz bis zum Selbstoptimierungsdruck sind Kinder und Jugendliche Stress ausgesetzt. Bei entsprechender Disposition können diese Stressoren ADHS auslösen. Als Modediagnose oder Überdiagnostik sehe ich das nicht.“
„Besonders bemerkenswert ist der starke Anstieg bei Mädchen“, sagt Dr. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V. (BVKJ). Das zeige, dass ADHS bei ihnen lange unterdiagnostiziert gewesen sei, da sich die Symptomatik oft weniger externalisierend äußere. ADHS sei kein reines „Jungen-Thema“, sondern ein häufig übersehenes Störungsbild, das bei Mädchen oft erst spät und dann mit zusätzlichen Belastungen sichtbar werde. „Die Konsequenz daraus kann aus meiner Sicht nur sein, Versorgung neu zu denken: Wir brauchen strukturierte, multiprofessionelle Settings in der ambulanten Pädiatrie, klare diagnostische Pfade und ausreichend Zeitressourcen für Gespräche mit Familien und Schulen.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 5,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 in Baden-Württemberg mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 86.400 jungen Menschen im Südwesten – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Bei den sechs bis 17-Jährigen erhielt mehr als die Hälfte eine Verschreibung eines ADHS-spezifischen Medikaments. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während 2024 rund 54 Prozent der Jungen ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, waren es bei Mädchen etwa 46 Prozent.
Vergleichsweise hohe Betroffenheit in Baden-Württemberg
Die Sonderanalyse zeigt, dass in Baden-Württemberg anteilig mehr Kinder und Jugendliche mit einer ADHS-Diagnose versorgt werden als im Bundesschnitt: So waren es 2024 in Baden-Württemberg 5,3 Prozent, im Bund 5,2 Prozent. Bei den Neudiagnosen fällt der Anstieg dagegen moderater aus als im Bundesschnitt: Gab es im Südwesten 2024 ein Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr, waren es bundesweit 16 Prozent.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen, davon 620.000 Versicherten in Baden-Württemberg die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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(Copyright: DAK-Gesundheit/Gettyimages_John Slater)
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