DAK-Pflegereport 2026 Pflegereform: Weichenstellung für eine zukunftsfeste Pflege?

Ein älterer Mensch wird in einem Rollstuhl gefahren

Einleitung

Die Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung steht zunehmend unter Druck. Perspektivisch werden ihre Ausgaben stärker ansteigen als die beitragspflichtigen Einnahmen. Auch für die Menschen mit Pflegebedarf steigen die Kosten. Im Bereich der Heimversorgung macht sich dies insbesondere an den hohen Eigenanteilen bemerkbar. Im Juli 2025 konstituierte sich die Bund-Länder-Arbeitsgruppe (BLAG) „Zukunftspakt Pflege“, um eine Pflegereform vorzubereiten, die sich diesen Herausforderungen annimmt. Eine Strukturreform hat die anspruchsvolle Aufgabe, die Finanzarchitektur der Pflegeversicherung mit bedarfsgerechten Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen für Menschen mit Pflegebedarf zu verbinden. 

Kernergebnisse

Die repräsentative Bevölkerungsbefragung beschäftigte sich mit den Erfahrungen, Einstellungen und Erwartungen der Bevölkerung zum Thema (Langzeit-)Pflege und ihren Vorstellungen zur Pflegereform und der Bund-Länder-Arbeitsgruppe.

  • Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist der Meinung, dass das Pflegesystem umfassend reformiert werden müsse. 

  • Im Februar 2026 haben lediglich 28 Prozent der Bevölkerung von der BLAG gehört.

  • Drei Viertel der Bevölkerung halten Verbesserungen durch die geplanten Maßnahmen für möglich.

  • Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung wäre bereit, zugunsten einer Verbesserung des Gesamtsystems, auch „schmerzhafte Reformen“ (Höhere Kosten/ geringere Leistungen für alle Versicherten) zu akzeptieren. 

  • Die Reformprioritäten der Bevölkerung liegen bei Maßnahmen, die zu einer Entlastung pflegender Angehöriger führen. 

  • Bei Vorstellung einiger Reformvorschläge der BLAG geht die Mehrheit der Bevölkerung davon aus, dass sich durch diese Maßnahmen zumindest „etwas verbessert“. 

  • Kürzungen beim Pflegegeld werden von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. 

DAK-Pflegereport 2026: Bewertung von aktuellen Vorschlägen zur Stabilisierung des Pflegesystems

Abbildung 1: Bewertung von aktuellen Vorschlägen zur Stabilisierung des Pflegesystems: klare Ablehnung von Kürzungen des Pflegegelds

Die Analyse der GKV-/ SPV-Routinedaten zielt auf die Identifizierung von Versorgungsproblemen. Sie fokussiert die Eintritte und Übergänge in hohe Pflegegrade, sowie  Krisensituationen. 

Einstufung in höhere Pflegegrade und zeitliche Nähe zum letzten Krankenhausaufenthalt 

  • Vor dem Eintritt in Pflegegrad 3 oder 4 hatte knapp die Hälfte der beobachteten Kohorte mindestens einen Krankenhausaufenthalt in den letzten 90 Tagen.

  • Es handelte sich dabei insbesondere um Aufenthalte, die in den letzten 30 Tagen vor der Ein- oder Höherstufung stattfanden.

  • Ausschlaggebend sind demnach insbesondere zeitlich nahe Akutereignisse. Dieses Phänomen ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich ausgeprägt.

  • Lange stationäre Krankenhausaufenthalte (ab 60 Tagen) von Versicherten der DAK-Gesundheit ab 65 Jahren mit Pflegegrad sind keine Randerscheinung. Stattdessen entfiel zwischen 2018 und 2024 knapp jeder zehnte Fall auf dieses Versorgungssegment. Diese Langzeitaufenthalte weisen auf Probleme bei der Anschlussfähigkeit zwischen stationärer Behandlung und weiterführender Versorgung hin. 

DAK-Pflegereport 2026: Anteil erstmaliger Eintritte in Pflegegrad 3 oder 4 mit mindestens einem Krankenhausaufenthalt.

Abbildung 2: Anteil erstmaliger Eintritte in Pflegegrad 3 oder 4 mit mindestens einem Krankenhausaufenthalt in den vorangegangenen 90 Tagen, regional standardisiert (eigene Darstellung)

Häufige Diagnosen im Vorfeld eines Eintrittes in einen höheren Pflegegrad

Bei einem Krankenhausaufenthalt in den letzten 30 Tagen vor Eintritt in Pflegegrad 3 oder 4, werden am häufigsten die in der folgenden Abbildung aufgeführten Diagnosen gestellt. Dabei handelt es sich insbesondere um die folgenden klinischen Konstellationen:

  • Akute oder akut dekompensierte internistische Krankheitsbilder (z. B. Herzinsuffizienz)
  • Neurologische Akutereignisse (z. B. Hirninfarkt)
  • Traumatologische Akutereignisse (z. B. Oberschenkelhalsbruch)
DAK-Pflegereport 2026: Häufigste Krankenhaus-Hauptdiagnosen vor erstmaligem Eintritt in Pflegegrad 3 oder 4

Abbildung 3: Häufigste Krankenhaus-Hauptdiagnosen in den letzten 30 Tagen vor erstmaligem Eintritt in Pflegegrad 3 oder 4, Anteile an allen Eintritten (eigene Darstellung)

Die Analyse der landespolitischen Ansätze zeigt politische, strategische und strukturelle Anknüpfungspunkte für die Reformvorschläge in den Bundesländern auf. 

In den Bundesländern zeigten sich diverse Anknüpfungspunkte für die Reformvorschläge, die von der BLAG erarbeitet wurden. Von Gesundheitsregionen bis hin zu Ansätzen des Community Health Nursings.

Der Perspektivworkshop bot einen diskursiven Raum zur Reformdebatte. In zehn Positionen wurden zentrale Aussagen zur Beratung, Case Management und pflegefachliche Begleitung konsentiert: 

  1. Keine institutionelle Abgrenzung zwischen Case Management und Beratung. 

  2. Notwendigkeit einer regionalen Case Management-Organisation mit einheitlicher Software.

  3. Die Case Management-Steuerung hat auf kommunaler Ebene zu erfolgen.

  4. Beratung, Case Management und pflegefachliche Begleitung haben konsequent niedrigschwellige Strukturen (z.B. Lotsen) einzubeziehen.

  5. Die Erkenntnisse des Medizinischen Dienstes aus dem Begutachtungsverfahren sind systematisch in Beratung, Case Management und pflegefachliche Begleitung einzubeziehen.

  6. Eine wirksame Case Management-Organisation ist sektorenübergreifend anlegelegt (Reko).
  7. Beratung, Begleitung und Case Management sind konsequent (auch) auf Prävention auszurichten.
  8. Beratung, Case Management und pflegefachliche Begleitung setzt auf gewachsenen Strukturen und integriert sie
  9. Aufgrund begrenzter Personalressourcen sind Parallelstrukturen unbedingt zu vermeiden. Angebote müssen kommunal verankert und integriert ausgestaltet werden.
  10. Die Rolle der ambulanten Pflegedienste in pflegefachlicher Begleitung darf nicht vernachlässigt werden.

Einordnung und Diskussion

  • Die Bevölkerung sieht mehrheitlich die Notwendigkeit einer Pflegereform.

  • Durch die geringe Kenntnis über die Arbeit der Bund-Länder-Arbeitsgruppe in der Bevölkerung ist davon auszugehen, dass insbesondere Reformen, die mit höheren Kosten oder eingeschränkten Leistungen für Versicherte und Gepflegte einhergehen, Viele unangenehm überraschen würden.

  • Höherer Pflegebedarf entsteht häufig nicht abrupt, sondern im Zusammenhang mit Krankenhausaufenthalten, funktioneller Destabilisierung und morbiditätsbezogenen Verläufen.
  • Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz einer guten Gestaltung des Übergangs zwischen stationärer und ambulanter Versorgung, sowie von gezielter Rehabilitation und Prävention zur Vermeidung schwerer Pflegeverläufe. 

Kurz-, mittel und langfristige Reformziele

  • Kurzfristig geht es darum die Handlungsfähigkeit der Pflegeversicherung zu erhalten, das System effizienter zu gestalten und neue Formen der Kooperation unterschiedlicher Ebenen (Bund, Länder und Kommunen) zu befördern.
  • Mittelfristig muss beim Umbau der Versorgungsstrukturen stark auf sektorenübergreifende Strategien gesetzt werden und die finanzielle Stabilität der sozialen Pflegeversicherung zukunftsfest weiterentwickelt werden.
  • Langfristig wird eine Umstellung der finanziellen Absicherung des Pflegerisikos erforderlich sein – unter Prüfung kapitalgedeckte Sicherungssysteme. Diese entfalten ihre Wirkung jedoch nicht mehr für die Generation der Baby-Boomer.

Auf ein Wort

  • Porträt Andreas Storm

    Wir stehen in der Pflege an einem Kipppunkt: Das Vertrauen der Menschen in das Pflegesystem ist äußerst gering und droht wegzubrechen. Viele Menschen nehmen das System als schlecht, ungerecht und überfordernd wahr. Die Bevölkerung erwartet eine funktionsfähige Pflegeversicherung, die sie ausreichend, verlässlich und bezahlbar absichert. Gleichzeitig gibt es eine große Skepsis, ob der große Wurf zur Pflegereform gelingen kann. Es muss deshalb jetzt oberste Priorität der Politik sein, Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die zumindest den Einstieg in eine nachhaltige Finanzierung und eine zukunftsfeste Pflegeinfrastruktur sicherstellen

    Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit

  • Porträtfoto von Prof. Dr. habil. Thomas Klie

    Die deutsche Bevölkerung ist pflegeerfahren und weiter bereit Sorge- und Pflegeaufgaben in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis zu übernehmen. Was sie braucht, sind verlässliche, professionelle Strukturen in der Pflege – gut abgestimmt mit einer effizienten medizinischen Versorgung. Hier liegen die zentralen Aufgaben für den Zukunftspakt Pflege und damit für Bund, Länder und Kommunen. Nicht vergessen: Pflege ist (zunehmend) demokratierelevant.

    Prof. Dr. habil. Thomas Klie, Autor des DAK-Pflegereports

Downloads zum Pflegereport 2026

Datengrundlage und Methoden

Repräsentative Bevölkerungsbefragung: Zur Begleitung des Reformprozesses der Pflegeversicherung führte das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) zwei Online-Umfragen durch. Die erste erfolgte im Oktober 2025 während der ersten Arbeitsphase der Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die zweite im Februar 2026 nach Veröffentlichung der Ergebnisse. Die geschichtete Zufallsstichprobe basierte auf einem Online-Panel. An der ersten Befragung nahmen insgesamt 4.401 Personen teil, wodurch auch Auswertungen auf der Ebene der Bundesländer möglich waren. An der zweiten Befragung nahmen 2.122 Personen teil. Beide Stichproben sind repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung Deutschlands im Alter von 16 bis 75 Jahren.

Analyse der GKV-/ SPV-Routinedaten: Die Analysen basierten auf anonymisierten Abrechnungs- und Leistungsdaten der DAK-Gesundheit. Die Beobachtungszeiträume und die analysierten Teilpopulationen – wie Versicherte der DAK-Gesundheit mit Pflegegrad 3 oder 4 – richteten sich jeweils nach der zu bearbeitenden Fragestellung. Für die Analysen wurden Variablen aus dem Kranken- und Pflegeversicherungsgeschehen kombiniert. Beispielsweise wurden der Pflegegrad und Diagnosen nach ICD-10 berücksichtigt. Die Analysen sind teilweise deskriptiver Art und beinhalten Gruppenvergleiche oder regionale Gegenüberstellungen. Zudem wurden zeitbezogene Verfahren wie die Berechnung kumulativer Inzidenzen angewendet.

Synopse landespolitischer Ansätze: Es wurde eine Dokumentenanalyse mit den Koalitionsverträgen der Bundesländer durchgeführt. Als Analyserahmen dienten die Reformvorschläge der BLAG. Ergänzt wurde die Dokumentenanalyse durch eine unsystematische Webrecherche zu entsprechenden Förderprogrammen und Good-Practice-Beispielen. 

Perspektivworkshop: Der Perspektivworkshop fand im Kontext der bisherigen Ergebnisse der Teilstudien des DAK-Pflegereports statt. Die zu diesem Zeitpunkt noch vagen Eckpunkte der Bund-Länder-Arbeitsgruppe wurden in Form von Thesen aufgegriffen und zur Diskussion gestellt. Es nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bundesgesundheitsministerium, den einschlägigen Ministerien der Bundesländer, den kommunalen Spitzenverbänden, der gesetzlichen Pflegeversicherung, der Wissenschaft und der Praxis teil.

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