Elterncoaching – Gemeinsam für mehr Patientensicherheit

Krankenhausbehandlung: Kind malt Bild im Krankenhausbett.
Die aktive Einbindung von Eltern und Bezugspersonen erhöht die Behandlungssicherheit und reduziert Fehler – insbesondere bei Kindern, wo kleine Veränderungen oft frühe Warnsignale darstellen. Deswegen fördert die Deutsche Gesellschaft für Patientensicherheit (DGPS gGmbH) aktiv das Elterncoaching. Diese Aktivitäten zum Elterncoaching werden nun in einer Kooperation mit der DAK-Gesundheit unterstützt. Hardy Müller, Generalsekretär der DGPS, stellt das Projekt im Interview vor. 

Das Gespräch führte Viola Sinirlioglu, Beauftragte für Patientensicherheit bei der DAK-Gesundheit.

Abb-HardyMüller

Hardy Müller

Generalsekretär der DGPS

Warum arbeiten die DGPS und die DAK zum Thema Elterncoaching zusammen? 

Beim Elterncoaching geht es darum, Hinweise von Eltern über kritische Entwicklungen bei den eigenen Kindern systematisch im Behandlungsprozess zu berücksichtigen. Falls elterliche Hinweise übersehen oder nicht ernst genommen werden, begünstigt dies vermeidbare Fehler. Das wollen wir nicht. 

Das Projekt unterstützt die Aktivitäten von Krankenhäusern und Krankenkassen, um Eltern in ihrer Gesundheitskompetenz zu stärken und diese zu ermutigen, eigene Wahrnehmungen insbesondere von kritischen Situationen auch klar zu äußern. Ein erstes Projekt dazu ist in der Kinderklinik des UKE Hamburg gestartet. Wir werden dort die Sicherheitskultur und das gemeinsame Lernen fördern und damit die Patientensicherheit stärken. Ziel ist es, die Erfahrungen dort zu verstetigen und auf andere Krankenhäuser zu übertragen. Kooperations- Gespräche mit weiteren Kliniken laufen bereits. 

Warum schafft das Projekt mehr Patientensicherheit?

Eltern spüren sehr genau, wenn sich der Zustand bei ihren Kindern etwas verschlechtert oder problematisch verändert. Für die Behandlungsteams sind diese Wahrnehmungen der Eltern wertvolle und unverzichtbare Informationen. Wir sprechen hier auch von „Warn-Signalen“. 

Eltern sollen immer das Gefühl haben, dass ihre Wahrnehmungen zählen und sie diese zu jedem Zeitpunkt äußern können – besonders, wenn ein Kind ernsthaft erkrankt. Wir erhoffen uns, mit dem Projekt Eltern zu befähigen, ihre Stimme zu stärken und so vulnerable Kinder in kritischen Situationen zu schützen. Gleichzeitig wollen wir auch das Personal für den richtigen Umgang mit Eltern und Kindern schulen und vor allem dafür sensibilisieren, die Stimme von Eltern besonders in kritischen Situationen immer zu hören und ernst zu nehmen. 

Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für den Nutzen von elterlichen Hinweisen? 

Die systematische Integration elterlicher Beobachtungen und Hinweise in die klinische Entscheidungsfindung ist international bereits etablierte Praxis und ein zentraler Bestandteil patientenzentrierter Versorgung (sog. patient and family activated escalation systems). Das Projekt lehnt sich an etablierte internationale Modelle wie Martha’s Rule (UK) und Ryan’s Rule (Australien) an, die Patienten, Familien und Pflegekräften das Recht gibt, eine dringende unabhängige Zweitmeinung zum Beispiel durch ein Critical Care (Notfall-)Team einzuholen. Diese Verbesserungen wurden nach tragischen Behandlungsverläufen mit tödlichem Ausgang bei Kindern eingeführt. 
Eine aktuelle Lancet-Studie zeigt, dass elterliche Beobachtungen entscheidende Warnsignale für den kritischen Krankheitsverlauf eines Kindes liefern können (Mills et. al 2025)

Das Projekt in den Krankenhäusern heißt „Lines Vermächtnis“. Was ist der Hintergrund dazu und wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden? 

Anlass des Projekts ist der tragische Tod der zweijährigen Line im April 2024 während ihres Krankenhausaufenthalts, bei dem sich ihr Zustand verschlechterte und die Mutter mehrfach auf Veränderungen hingewiesen hatte. Auf ihre Initiative hin entstand gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Patientensicherheit das Projekt „Lines Vermächtnis“ unter der Schirmherrschaft der Mutter. Ziel ist es, elterliche Warnsignale strukturiert aufzunehmen und verbindlich in medizinische Entscheidungen einzubeziehen, um die Behandlung von Kindern in Krankenhäusern sicherer zu gestalten. Mit Unterstützung der DAK-Gesundheit ist dazu im UKE Hamburg ein Pilotprojekt gestartet.

Was sind die Ziele des Projekts Elterncoaching? 

Am Ende des Projektes sollen alle Beteiligten unterstützt werden, besser mit kritischen Rückmeldungen von Eltern umzugehen, Notfälle rechtzeitig zu erkennen, Eltern immer ernst zu nehmen, ihre Stimme zu hören und damit die Patientensicherheit messbar zu erhöhen. Von Anfang an wollen wir mit unseren Aktivitäten für das Thema sensibilisieren und es stärker ins Bewusstsein aller bringen.

Wie sollen die Ziele erreicht werden?

Wir stärken die Gesundheitskompetenz der Eltern und des Personals in den Kliniken. Für diese Situationen bzw. Fragestellungen wollen wir sensibilisieren: 

  1. Wann muss man mit seinem Kind in die Notaufnahme?
  2. Wann ist ein Kind wirklich kritisch krank und muss sofort gesehen werden?
  3. Wie können die Eltern im Krankenhaus im engen Austausch mit den Ärztinnen und Ärzten und dem Pflegepersonal bleiben, insbesondere wenn der Zustand ihres Kindes sich verschlechtert oder nicht ausreichend behandelt wird?
  4. Wie werden die elterlichen Meldungen dokumentiert und verarbeitet, so dass diese Informationen zum einem Mehrwert für die Teams führen?

Konkret setzen wir dafür u.a. folgende Tools ein:

  • Aufklärungsmaterial für Eltern sowie medizinisches und pflegerisches Personal
  • Einen Erklärfilm
  • Safety cards
  • Online-Schulungen
  • Systematische Integration elterlicher Beobachtungen und Hinweise in die klinische Entscheidungsfindung
  • Etablierung des Konzeptansatzes aus Martha‘s Rule in Kliniken

Führt eine stärkere Einbindung der Eltern – gerade vor dem Hintergrund sogenannter „Helikopter-Eltern“ – nicht zu einer zusätzlichen Belastung des Gesundheitspersonals beispielsweise auch in den ohnehin stark frequentierten Notaufnahmen?

Ganz im Gegenteil, wir wollen Eltern unter anderem gezielt darin stärken, ihre Wahrnehmungen über Verschlechterung des Zustandes bei Ihren Kindern auch zu äußern. Die oben genannten Maßnahmen und Tools setzen da an. Sie führen zu etablierten Melde-Kanälen mit abgestimmten Prozessen in der Klinik über die Eltern einfach und effizient ihre Hinweise geben können. So können Eltern mit ihren direkten und effektiven Hinweisen zur Entlastung des Personals beitragen, die Anzahl der unnötigen Vorstellungen reduziert und mehr Kapazitäten für akut behandlungsbedürftige Kinder geschaffen werden.

Ein Blick in die Zukunft: Wie geht es weiter?

Die Verfahren sollen nach erfolgreicher Erprobung verstetigt werden und auf andere Krankenhäuser transferiert werden. Eine Fortführung der DAK-Kooperation für ein weiteres Jahr ist in Planung, am besten mit der Ausrollung für weitere Kliniken und Krankenkassen. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, dass nach Problemen gemeinsam an Problemlösungen gearbeitet wird: Hier arbeiten betroffene Eltern, das Klinikpersonal, externe Facheinrichtungen und eine Krankenkasse zusammen. Die Akteure im Gesundheitssystem müssen nicht gegeneinander arbeiten, sondern zusammen. Dieses Projekt baut eindrucksvoll Brücken, die DAK versteht sich dabei als zentrale Schnittstelle zwischen Leistungserbringern und Versicherten.

Autor(in)

Generalsekretär der DGPS

Qualitätssicherung

Dr. med. Viola Sinirlioğlu

Ärztin und Beauftragte für Patientensicherheit bei der DAK-Gesundheit

Aktualisiert am:
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