ISG-Syndrom: Wie du es erkennst und die Schmerzen loswirst

Junge Frau sitzt auf der Bettkante und fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Rücken.

Plötzlich auftretende Schmerzen im unteren Rücken, die entlang des Oberschenkels ausstrahlen, können auf das ISG-Syndrom hinweisen. Das Krankheitsbild entsteht häufig durch eine Blockade oder Fehlfunktion des Iliosakralgelenks (ISG). Hier erfährst du, wie du die typischen Symptome erkennst, woher eine ISG-Blockade kommt – und was schnell helfen kann.

Was ist das ISG-Syndrom?

gettyimages-170187545-170667a

Beim ISG-Syndrom ist das Iliosakralgelenk, kurz ISG, in seiner Funktion gestört. Häufig durch eine sogenannte ISG-Blockade. Dadurch kommt es zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Um das besser zu verstehen, hilft ein Blick darauf, wozu das ISG überhaupt da ist.

Das Iliosakralgelenk verbindet den unteren Teil der Wirbelsäule (das Kreuzbein) mit der Beckenschaufel auf der linken und rechten Seite (Darmbein) im Becken. Es besteht also aus zwei Gelenken. Da es Darmbein und Kreuzbein verbindet, wird es auch als Darm-Kreuzbein-Gelenk bezeichnet. Das ISG wird von starken Muskeln und Bändern umzogen, daher ist es ein sehr straffes und stabiles Gelenk mit wenig Bewegungsspielraum. Seine Beweglichkeit ist auf wenige Zentimeter und Grad begrenzt.

Die wichtigste Funktion des Iliosakralgelenks ist die Kraftübertragung von der Wirbelsäule auf das Becken beziehungsweise vom Rumpf auf die Beine und andersherum. Es dämpft die Bewegungen und verteilt die Kräfte zwischen der unteren und oberen Extremität. Doch schon kleinste Funktionsstörungen können dazu führen, dass die Gelenkflächen aufeinander reiben und sich dadurch verkanten.

An welchen Symptomen erkenne ich eine ISG-Blockade?

Ein ISG-Syndrom zeigt sich oft durch folgende Beschwerden:

  • einseitige Schmerzen im unteren Rücken
  • Schmerz strahlt über das Gesäß aus bis in den Oberschenkel (allerdings nicht weiter als bis zum Knie)
  • Verschlechterung der Schmerzen bei längerem Sitzen oder Ruhen
  • Gefühl einer „Blockade“ oder Bewegungseinschränkung

Wie unterscheiden sich eine ISG-Blockade von Ischiasschmerzen?

Teilweise ist es schwer anhand der Symptome das ISG-Syndrom eindeutig zu erkennen und von anderen schmerzhaften Rückenleiden wie einem Bandscheibenvorfall oder Ischiasschmerzen (Ischialgie) zu unterscheiden. Die folgende Tabelle soll dabei helfen, die ISG-Blockade besser zu erkennen. 

KriteriumISG-Syndrom (ISG-Blockade)Ischiasschmerz (Ischialgie)
SchmerzcharakterTiefsitzend, häufig einseitig, blockierendZiehend, nervenartig, oft entlang des gesamten Beins
SchmerzausstrahlungMeist vom Gesäß über den hinteren äußeren Oberschenkel, oftmals nur bis zum KnieMeist vom unteren Rücken und dem Gesäß über Wade, Fuß bis zu den Zehen
Verhalten beim Sitzen / RuhenSchmerzen verschlechtern sich häufig bei längerem Sitzen oder RuhenSchmerzen verbessern sich oft beim Ausruhen, beim Sitzen und Vorbeugen
Verhalten bei Bewegung / BelastungBewegung kann helfen, die Beschwerden zu verbessernSchmerzen treten häufig stärker unter Belastung auf
Nervensymptome (Kribbeln, Taubheit, Lähmung)Normalerweise nicht vorhandenHäufig vorhanden (Hinweis auf Nervenbeteiligung)

Ursachen: Wie entsteht ein ISG-Syndrom?

Es gibt unterschiedliche Ursachen, die ISG-Schmerzen auslösen können. Ist das Gelenk blockiert oder verkantet, spricht man von einer ISG-Blockade beziehungsweise einem ISG-Syndrom. In diesem Fall funktioniert die Kraftübertragung nicht mehr richtig und verursacht starke Schmerzen. „Zunächst einmal müssen wir bei einem ISG-Syndrom zwischen jungen und älteren Patienten unterscheiden“, berichtet Dr. Marcel Prymka, Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie des Krankenhauses St. Josef in Wuppertal. „Denn während bei jungen Menschen das Gelenk in den meisten Fällen gesund und lediglich blockiert ist, liegt bei Älteren häufiger ein Verschleiß als Ursache vor.“

Typische Ursachen für ein ISG-Syndrom

Eine Blockade entsteht häufig durch eine falsche oder ruckartige Bewegung. Aber auch schweres Heben oder langes Sitzen können das ISG blockieren. Besonders Sitzen kann auf lange Sicht ein Problem werden, denn im Laufe der Zeit verkürzen die Muskeln im Gesäß, in der Leiste und in den Beinen. Die Folge: Im Gewebe, welches das ISG umgibt, kommt es zu ungleichen Spannungen. Dadurch verspannt die Muskulatur und die Bänder sind einer höheren Belastung ausgesetzt. Wird zusätzlich ein Nerv eingeklemmt, spüren Sie einseitig starke Schmerzen. Und auch durch ungewohnte Tätigkeiten wie zum Beispiel Gartenarbeit, eine plötzliche Krafteinwirkung bei einem Unfall oder beim Sport kann sich das Gelenk verkanten.

Überhaupt ist das Iliosakralgelenk ständigen Zug- und Druckbewegungen ausgesetzt und dadurch anfällig für eine Blockade. Häufig geht diese mit einer Entzündungsreaktion einher, die die Schmerzen zusätzlich begünstigt.

Weitere Ursachen, die eine ISG-Blockade auslösen können, sind anatomische Besonderheiten wie unterschiedlich lange Beine oder auch Fehlhaltungen der Wirbelsäule.

ISG-Probleme in der Schwangerschaft 

Als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sieht Dr. Prymka auch immer wieder Schwangere, die Beschwerden im Iliosakralgelenk entwickeln. „Probleme mit dem ISG sind in der Schwangerschaft sehr häufig“, fasst der Mediziner zusammen. Das verwundert nicht, denn schließlich lockert sich in der Schwangerschaft hormonbedingt das Bindegewebe. Damit bereitet sich der Körper auf die bevorstehende Geburt vor. Die Bänder werden lockerer, das Iliosakralgelenk beweglicher, aber eben auch instabiler. Mit fortschreitender Schwangerschaft kann auch die Lage und das Gewicht des Kindes im Mutterleib das Iliosakralgelenk belasten. Bei vielen Schwangeren entwickelt sich zudem ein Hohlkreuz, welches das ISG zusätzlich überlasten kann. So kann es eher zu ISG-Schmerzen kommen.

Häufige Auslöser im Alter: Rheuma und Arthrose

Zu den Risikofaktoren, die eine ISG-Blockade begünstigen, zählen rheumatische Erkrankungen, wie der Morbus Bechterew. Mit zunehmendem Alter ist ein Verschleiß (Arthrose) die Hauptursache für ISG-Beschwerden. Bei einer ISG-Arthrose ist der Knorpel geschädigt und die Gelenkflächen liegen enger aufeinander. Das führt zu ISG-Schmerzen und einem instabilen Gefühl. 

Beim Morbus Bechterew, einer chronisch entzündlichen rheumatischen Erkrankung, zeigt sich sogar oftmals als erstes Symptom eine Entzündung des Gelenks, die zu tiefsitzenden Schmerzen führt. Sind bei Ihnen in der Familie rheumatische Erkrankungen bekannt, sollte bei ISG-Schmerzen ein Morbus Bechterew unbedingt abgeklärt werden.

Was hilft bei ISG-Schmerzen?

Um die starken Schmerzen zu lindern, hilft laut Dr. Prymka „alles, was guttut“. Kurz gesagt sind das Bewegung, Dehnung und Wärme. 

  • Warme Dusche: Sie regt die Durchblutung in der Muskulatur an und sorgt für Wohlbefinden. Wichtig: Mobilisieren Sie das Iliosakralgelenk unter der warmen Dusche durch Bewegung. So können Sie die Blockade auflockern. 
    Ein warmes Bad in einer engen Wanne ist nicht sinnvoll: Zu groß ist die Gefahr, dass die Schmerzen durch das unbewegliche Sitzen dann stärker werden.
  • Über einen Tennisball rollen: So können Sie die verkrampften Muskeln oder das Gelenk durch ausreichend Druck lockern.
  • Leichte Bewegung: Spazierengehen, sanftes Dehnen und Mobilisierungsübungen können die Muskulatur und das Gelenk lockern. Einfache Übungen finden Sie im nächsten Abschnitt.

Um die Schmerzen zu lindern können Sie auch gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol nehmen. Allerdings setzen die Schmerzmittel nicht an der Ursache an. Bewegung, Mobilisierungsübungen und Wärme sind daher die empfohlenen Maßnahmen.

Wann sollte ich bei ISG-Schmerzen zum Arzt?

Ob und wann ein Arztbesuch nötig ist, hängt davon ab, wie stark Sie unter den Schmerzen leiden. Für eine erste Linderung können Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen eingenommen werden. Häufig können Sie die Blockade durch einfache Dehnübungen auch selbst behandeln. Wenn die Schmerzen trotz Wärme, leichter Bewegung und Mobilisierungsübungen nach ein paar Tagen nicht weggehen oder sogar schlimmer werden, sollte Sie die Ursache ärztlich abklären lassen.

Stellt Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt eine Blockade des Iliosakralgelenks fest, werden häufig Manuelle Therapie oder Physiotherapie verschrieben. Während bei der Manuellen Therapie versucht wird, die Störungen im Bewegungsapparat mit den Händen zu ertasten und durch manuelle Mobilisationstechniken zu lösen, bindet die Physiotherapie die Patientin oder den Patienten aktiv mit ein. Gezielte Übungen sollen die Muskulatur stärken und die Beweglichkeit verbessern, um schließlich die Schmerzen zu lindern.

Mit welchen Übungen kann ich eine ISG-Blockade selbst lösen?

Mit den folgenden Übungen können Sie behutsam eine ISG-Blockade lösen und die Schmerzen loswerden. Wichtig: Achten Sie auf Ihr Körpergefühl, um die Probleme nicht zu verstärken.

Übung 1: Mobilisationsübung im Liegen

  • Legen Sie sich mit Po und Rücken auf einen Tisch, die Beine hängen zunächst herab.
  • Legen Sie nun einen Fuß auf einem Stuhl ab, das Bein ist gestreckt.
  • Greifen Sie das Knie des anderen Beines mit den Händen, ziehen das Bein langsam Richtung Brust und wieder ein Stück zurück.
  • Diese Bewegung führen Sie in einem gemütlichen Tempo 10- bis 15-Mal auf jeder Seite durch.

Übung 2: Dehnübung der Gesäßmuskulatur

  • Setzen Sie sich mit geradem Rücken auf einen Stuhl. Bei Beschwerden auf der linken Seite strecken Sie das rechte Bein aus und stellen die Ferse auf den Boden. Sind die Beschwerden rechts, wird das linke Bein gestreckt.
  • Nun legen Sie den linken Fuß locker auf den rechten Unterschenkel beziehungsweise seitenverkehrt – das Knie ist leicht gebeugt. Macht sich in dieser Position bereits ein Schmerz bemerkbar, bleiben Sie hier für einige Sekunden sitzen und lösen die Übungen anschließend langsam auf.
  • Fühlt sich die Übung angenehm an, bringen Sie den Fuß näher an das Knie heran oder legen Sie es darauf ab. Achten Sie dabei genau auf die Symptome Ihres Körpers!
  • Beugen Sie nun das gestreckte rechte Knie leicht an und spüren Sie die Dehnung in der linken Gesäßhälfte. Der Rücken bleibt dabei gerade. Wenn Sie das schaffen, können Sie das rechte Bein bis zum 90-Grad-Winkel beugen, der Fuß liegt weiter auf dem Knie auf.
  • Greifen Sie mit der linken Hand das linke Knie und mit der rechten Hand den linken Knöchel.
  • Beugen Sie den gestreckten Oberkörper langsam nach vorne. Halten Sie diese Dehnung für 30 Sekunden.

Übung 3: Lockerung des Beckens

  • Stellen Sie sich mit einem Bein auf eine Treppenstufe und winkeln das Knie leicht an. Das andere Bein hängt seitlich.
  • Nun pendeln Sie mit dem Bein 10- bis 15-Mal hin und her.
  • Wiederholen Sie die Übung mit dem anderen Bein.

Wie kann ich einer ISG-Blockade vorbeugen?

Eine ISG-Blockade kann im Grunde jeden erwischen – egal, ob jung oder alt, durchtrainiert oder unfit. Dennoch gibt Dr. Prymka zu bedenken: „Es kann leichter passieren, wenn Sie nicht genug Muskeln aufbauen.“ Er empfiehlt deshalb, Krafttraining mit Koordinationstraining zu kombinieren, um das Risiko für ein ISG-Syndrom zu senken. Während beim Krafttraining die verschiedenen Muskeln gestärkt werden, wird die Statik der Wirbelsäule durch das Koordinationstraining im Lot gehalten. „Das ist im Grunde alles, was jeder von uns tun kann“, berichtet Dr. Prymka. Hier finden Sie Übungen für eine stabile Körpermitte

Häufige Fragen zum Thema ISG-Syndrom

Sie haben noch mehr Fragen zum ISG-Syndrom? Hier finden Sie weitere Antworten.

Autor(in)

Freie Redakteurin

Qualitätssicherung

Fachbereich der DAK-Gesundheit

Aktualisiert am:
Telefonkontakt
040 325 325 555

Rund um die Uhr und zum Ortstarif