ADHS: Neudiagnosen bei Kindern steigen um 16 Prozent

Sonderanalyse DAK-Kinder und Jugendreport: Jungen erhalten doppelt so häufig eine Erstdiagnose
Bei Mädchen fällt der Anstieg mit einem Plus von 21 Prozent besonders stark aus
DAK-Chef fordert: Vernetzung bei ADHS entscheidend – Schule als zentraler Hebel
Hamburg, 10. August 2026. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Deutschland eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 16 Prozent. Hochgerechnet wurde somit bundesweit bei rund 202.000 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit. Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 21 Prozent stärker an als bei Jungen mit 14 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Chef Andreas Storm, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist.
„Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 800.000 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit versichert sind. Analysiert wurden rund 42 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neuerkrankungen erkennbar.
Hochgerechnet 202.000 Kinder mit Neudiagnose ADHS
2024 erhielten laut DAK-Kinder- und Jugendreport 17 je 1.000 Kinder und Jugendliche eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 202.000 jungen Menschen in Deutschland. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 16 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Schulkindern im Alter zwischen zehn und 14 Jahren mit einem Zuwachs von 22 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 18,3 von 1.000 Schulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 14,9. Insgesamt bekommen Grundschulkinder am häufigsten eine ADHS-Erstdiagnose. 2024 waren es 23,8 von 1.000 Kindern im Alter zwischen fünf und neun Jahren.
Anstieg bei Mädchen: ADHS kein reines „Jungen-Thema“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 22,4 Jungen und 11,3 Mädchen je 1.000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 136.500 Jungen und 65.000 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 21 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut 14 Prozent. Im Vergleich zu 2020 steht bei Mädchen sogar ein Plus von rund 46 Prozent.
Experte: ADHS ist keine Modediagnose
„Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt“, so Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.“ Zudem nehme der negative Einfluss sozialer Medien zu: „Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken“, ergänzt Correll. Sicherlich sei das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“
„Besonders bemerkenswert ist der starke Anstieg bei Mädchen“, sagt Dr. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V. (BVKJ). Das zeige, dass ADHS bei ihnen lange unterdiagnostiziert gewesen sei, da sich die Symptomatik oft weniger externalisierend äußere. ADHS sei kein reines „Jungen-Thema“, sondern ein häufig übersehenes Störungsbild, das bei Mädchen oft erst spät und dann mit zusätzlichen Belastungen sichtbar werde. „Die Konsequenz daraus kann aus meiner Sicht nur sein, Versorgung neu zu denken: Wir brauchen strukturierte, multiprofessionelle Settings in der ambulanten Pädiatrie, klare diagnostische Pfade und ausreichend Zeitressourcen für Gespräche mit Familien und Schulen.“
ADHS-Krankheitshäufigkeit bei Kindern auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren wurden 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 617.000 jungen Menschen in Deutschland – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Die Hälfte von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 52 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, waren es bei Mädchen gut 44 Prozent. Die Steigerungsraten von 2023 zu 2024 sind bei beiden Geschlechtern mit einem Zuwachs von fünf Prozent identisch.
ADHS: ein kurzer Überblick
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern als ‚Botschaftern zwischen den Nerven‘ gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen.
Die DAK-Gesundheit ist mit 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands und engagiert sich besonders für Kinder- und Jugendgesundheit.
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Rüdiger Scharf
Chef-Pressesprecher & Leiter Unternehmenskommunikation
Themen: Vorstands-Kommunikation und Interviewanfragen, Gesundheits- und Pflegepolitik sowie Kinder- und Jugendgesundheit
