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DAK-Psychologin Maria AustermannDAK-Psychologin Maria Austermann

Ist Burnout eine Krankheit?

Maria Austermann: „Der Zustand des Ausgebranntseins oder der totalen Erschöpfung, den wir als Burnout bezeichnen, gilt nicht als eigenständige Krankheit, wird aber von der Weltgesundheitsorganisation als ‚Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst‘, anerkannt. Burnout ist also immer eine Zusatzdiagnose. Das ändert aber nichts an der Schwere der Symptome, die im Rahmen eines Burnouts erlebt werden können. Emotionale Erschöpfung, Selbstentfremdung, verminderte Leistungsfähigkeit, Anspannung und Unruhe müssen und können wirksam therapeutisch behandelt werden. Burnout beeinflusst den Gesundheitszustand und beeinträchtigt die ganze Lebensgestaltung.“

Ist Burnout gleich Depression?

Maria Austermann: „Burnout kann auf jeden Fall zu einer Depression führen. In der Psychologie sprechen wir in diesem Fall von einer arbeitsbezogenen Depression. Das setzt voraus, dass eine körperliche, seelische oder geistige Erschöpfung durch berufliche Überlastung oder Verausgabung entstanden ist. Eine solche Depression ist dann die Endstufe eines Burnouts.

Gleichzeitig ist es sinnvoll, genau hinzuschauen und Depression und Burnout voneinander zu unterscheiden. Bei einem sich entwickelnden Burnout kann zum Beispiel eine längere Auszeit von der Arbeit hilfreich sein. Bei einer Depression hingegen können sich die Symptome noch verschlimmern, wenn die gewohnte Tagesstruktur und das aktivierende Umfeld fehlen.“

DIE 3 WICHTIGSTEN ERKENNUNGSMERKMALE FÜR EIN BURNOUT SIND:
  • Energieschwund oder Erschöpfung
  • Erhöhte mentale Distanz zum Beruf: Zynismus / Negativismus
  • Abnehmende professionelle Effizienz

Ein Burnout entsteht immer in einem längeren Prozess. Gibt es Anzeichen, die mir zeigen, wie gefährdet ich bin?

Maria Austermann: „Den Prozess, in dem ein Burnout verläuft, kann man in vier Phasen unterteilen. Die erste Phase nennen wir die Phase der idealistischen Begeisterung. Das ist die Zeit, in der man sich im Job beweisen möchte, hohen Ehrgeiz und Perfektionismus an den Tag legt, schnell und effizient sein will. Problematische Anzeichen in diesem Stadium: Es fällt einem schwer, Aufgaben aus der Hand zu geben. Wichtige Bedürfnisse wie Ernährung, Schlaf, Bewegung, soziale Kontakte treten in den Hintergrund.

Phase zwei ist die des Stillstands oder der Stagnation. Jetzt kommt es zunehmend zu beruflichen oder privaten Konflikten und zu leichteren Fehlleistungen – man fängt an, berufliche Termine zu vergessen, unpünktlich zu sein, Fehler zu machen. Ein deutliches Signal, das etwas nicht stimmt, ist Abstumpfung und wachsender Zynismus.Probleme werden jedoch häufiger verleugnet.

In der dritten, der Frustrationsphase, ziehen sich die Betroffenen immer mehr von ihrem sozialen Umfeld zurück. Ihnen wird zunehmend alles gleichgültig, jegliche Arbeitsanforderung wird immer mehr als Belastung empfunden. Kritik ist nur noch schwer auszuhalten. An diesem Punkt sollte man sich spätestens Hilfe holen. Denn damit ist schon die vierte Phase des Burnouts in Sicht: die Depression, der Zustand der völligen Erschöpfung und inneren Leere.“

Die vier Phasen eines Burnouts

Phase 1 Idealistische Begeisterun:g Ehrgeiz/Verstärkter Einsatz, Überidentifikation mit der Arbeit, Vernachlässigung von Grundbedürfnissen

Phase 2 Stillstand und Stagnation: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen, Verleugnung von Problemen, Zynismus

Phase 3 Frustration: Rückzug, Gleichgültigkeit, Selbstentfremdung, berufliche Belastbarkeit geht gegen null

Phase 4 Völlige Erschöpfun:g Innere Leere, Depression   

Welche Risikofaktoren begünstigen Burnout? Machen bestimmte Arbeitsbedingungen krank?

Maria Austermann: „Wenig Wertschätzung und Unterstützung bei der Arbeit, ein unrealistisches Arbeitspensum oder übergroße Erwartungen von Vorgesetzten oder Arbeitskollegen begünstigen Burnout. Ungesund ist es auch, wenn man den Arbeitsumfang oft nur schwer abschätzen kann, es häufig zu störenden Unterbrechungen der Arbeit kommt, man immer wieder Wertekonflikte erlebt, vom Arbeitgeber absichtlich besonders viel Konkurrenz geschaffen wird, das Teamgefühl fehlt oder nicht auf Pausen geachtet wird. Erhöhtes Risiko für Burnout besteht zudem, wenn mein Job so gestaltet ist, dass ich mich unentbehrlich fühlen muss, weil das gesamte Wissen und die alleinige Verantwortung bei mir liegen, ich eigentlich nie fehlen darf und niemand mir stellvertretend Aufgaben abnehmen kann.“

Gibt es bestimmte Persönlichkeitstypen, die besonders gefährdet sind?

Maria Austermann: „Eine ‚Burnout-Persönlichkeit‘ gibt es nicht. Aber es gibt Persönlichkeitsfaktoren, die die Entwicklung eines Burnouts begünstigen können. Das sind zum Beispiel: ein hoher Anspruch an sich selbst, großes Verantwortungsbewusstsein, sehr großer Ehrgeiz, ein gewisser Hang zum Perfektionismus auf der einen Seite – und ein eher geringes Selbstwertgefühl sowie Schwierigkeiten, sich abzugrenzen, auf der anderen Seite.

Sind bestimmte Berufsgruppen wie das Sozial- und Gesundheitswesen immer noch besonders stark betroffen?

Maria Austermann: „Der Begriff Burnout ist in den 70er Jahren aus diesem Bereich entstanden und bis heute gibt es besonders viele Studien zu Burnout im Bereich der Care-Berufe. Man geht, wie ja auch die aktuelle Situation in der Corona-Epidemie zeigt, sicher nicht ganz zu Unrecht davon aus, dass die großen menschlichen Herausforderungen in diesem Bereich auch zu besonders hohen beruflichen Belastungen führen können. Insgesamt würde ich aber sagen, dass alle Berufsgruppen mit ungünstigen Arbeitsstrukturen wie Leistungsdruck, Personalmangel oder starken Hierarchien von Burnout betroffen sein können.

Haben Frauen öfter ein Burnout als Männer?

Maria Austermann: „Es gibt Befragungen, die zeigen, dass Frauen tatsächlich häufiger betroffen sind als Männer. Wir wissen auch, dass Frauen fast doppelt so oft wie Männer an chronischer Stressbelastung leiden. Frauen leben häufiger mit einer Mehrfachbelastung durch Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Es ist daher möglich, dass Frauen ein etwas höheres Burnout-Risiko haben. Es fehlen jedoch einheitliche Messinstrumente, um Burnout zu erfassen und einen Vergleich aufzustellen.

Wie können Angehörige und Kolleginnen helfen, wenn die betroffene Person selbst noch gar keinen Leidensdruck spürt?

Maria Austermann: „Gerade in der Anfangsphase, in der sich ein Burnout entwickelt, ist oft alles noch mit sehr viel positiver Energie ummantelt: mit Begeisterung, hoher Motivation und dem Wunsch sich zu beweisen. Die ersten Schritte in ein Burnout geschehen oft von den Betroffenen unbemerkt. Angehörige oder Kollegen könnten auf bestimmte Warnsignale achten und die Person vorsichtig darauf ansprechen, wenn sie problematische Veränderungen beobachten. Wenn zum Beispiel jemand gar nichts anderes mehr sieht als den Job, keine Pausen mehr machen will, natürliche Bedürfnisse, wie Essen, Schlafen, Bewegung und soziale Kontakte sekundär werden. Hören Sie der betroffenen Person aufmerksam zu. Oft hilft es in dieser Phase bereits, wenn man als Betroffener die Gelegenheit zur Selbstreflexion erhält und sich fragt: Wo befinde ich mich eigentlich gerade? Und was passiert, wenn ich so weitermache?

ERSTE WARNSIGNALE FÜR EIN BURNOUT

Du könntest gefährdet sein, wenn du:

  • nicht regelmäßig Pausen machst.
  • außerberufliche Bedürfnisse wie Schlaf, Essen, Bewegung und soziale Kontakte oft vernachlässigst.
  • häufiger Konflikte mit Arbeitskollegen hast.
  • nicht gut Aufgaben an andere abgeben kannst.
  • oft Konflikte in der Partnerschaft hast, weil bei dir die Arbeit dauerhaft im Zentrum steht.

Und wenn die Situation bereits ernster ist und die betroffene Person schon nahe der Depression steht?

Maria Austermann: „Dann ist es umso wichtiger, zu prüfen, ob man dabei unterstützen kann, Hilfe zu organisieren. Menschen mit einem fortgeschrittenen Burnout-Syndrom haben oft nicht mehr den Antrieb, einen Termin beim Arzt auszumachen oder in eine Beratungsstelle zu gehen. Hier empfiehlt es sich, einfühlsam praktische Unterstützung anzubieten. Außerdem ist es wichtig, klar zu sagen, dass ein Burnout jeden treffen kann.“

Wo und wie finden Betroffene bei Burnout Hilfe?

Maria Austermann: „ Als ersten Schritt sollte man aber bei Verdacht auf psychische Erkrankungen immer erst körperliche Ursachen der Beschwerden ausschließen – und dafür ist der Hausarzt der richtige Ansprechpartner. Mit ihm kann man am besten das weitere Vorgehen besprechen und sich bei Bedarf auch zu einem Spezialisten, einer Psychiaterin oder einem Psychotherapeuten überweisen lassen.“

Wie kann Burnout geheilt werden?

Maria Austermann: „Eine Distanzierung von der Arbeitsstelle durch Krankmeldung oder eine Reha kann ein sinnvoller erster Schritt sein, um aus der Belastungssituation herauszukommen. Hier sollte man sich aber unbedingt mit dem behandelnden Arzt, dem Psychotherapeuten oder der Psychiaterin über den besten Weg austauschen. Sicher ist auch: Allein mit einer langen Ausruhpause vom Job oder auch einem Jobwechsel verschwindet das Thema Burnout nicht. Genauso wichtig ist es, die persönlichen Anteile in den Blick zu nehmen. Es gibt wirksame Therapie-Angebote, die Betroffenen helfen können. Ziele einer Psychotherapie sind insbesondere die Verbesserung der Konflikt- und Stressbewältigungsstrategien, Aufbau und Wahrnehmen von Ressourcen und Lebenszielen, Selbstmanagement, Entspannungstraining und die Stärkung des Selbstwerts. Damit lässt sich das Risiko für einen Rückfall deutlich reduzieren.“

Was sind die wichtigsten Präventionsstrategien gegen Burnout?

Maria Austermann: „Der wichtigste Gedanke zur Vermeidung von Burnout ist, dass wir uns Entspannung nicht durch Anstrengung ‚verdienen‘ müssen, sondern ein natürliches Recht darauf haben. Es geht insgesamt darum, einen besseren Umgang mit Stressfaktoren in unserem Alltag zu finden. Wir brauchen eine Balance zwischen An- und Entspannung. Stress ist in unserem Leben allgegenwärtig. Das muss gar nicht immer schlecht sein, man kann unter Stress kurzzeitig konzentrierter arbeiten und leistungsfähiger sein. Genauso wichtig ist allerdings, dass wir auch gut für uns sorgen, auf unseren Körper hören und regelmäßig Pausen machen. Nur so können wir gesund bleiben und weiterhin die Leistung erbringen, die wir gewohnt sind. Beim Umgang mit Stressfaktoren hilft es, neue Wege zu gehen und somit widerstandsfähiger zu werden. Diese Widerstandsfähigkeit wird oft auch Resilienz genannt. Aber natürlich sollte ich mir auch die Frage stellen: Was müsste sich bei der Arbeit ändern, damit es mir dort gut gehen kann und ich nicht wieder in ein Burnout gerate? Hier kann es sinnvoll sein, mit seinem Arbeitgeber in einen Dialog zu treten.“

TIPPS: SO SCHÜTZT DU DICH VOR BURNOUT
  • Dein Körper ist dein Freund. Gib ihm genug Schlaf, gesundes Essen und regelmäßige Pausen.
  • Pflege deine außerberuflichen Interessen – auch in stressigen Zeiten. Das kann ein Spaziergang sein, Kochen, Musizieren, Singen. Alles, was zu dir passt und dir hilft abzuschalten.
  • Auch wenn der Job gerade noch so faszinierend ist – vergiss deine Freunde nicht. Soziale Kontakte geben Halt und rechtzeitiges Feedback, wenn dir Gefahr droht, dich von der Arbeit aufessen zu lassen.
  • Mach ein Anti-Stress-Coaching. Dafür gibt es wissenschaftlich fundierte Programme wie MBSR, aber auch Autogenes Training oder Yoga. Sie bieten gute Wege, um sich bewusst für stressige Zeiten zu stärken.

Was kann und muss der Arbeitgeber tun, um Burnout bei seinen Beschäftigten vorzubeugen?

Maria Austermann: „Arbeitgeber können sehr viel tun, um Burnout vorzubeugen. In Großbritannien und den USA ist man sogar der Meinung, dass Burnout hauptsächlich durch eine ungute Unternehmenskultur entsteht. Das kann man schon irgendwie nachvollziehen: Eine Haltung der Wertschätzung und Unterstützung für die Mitarbeitenden, von denen man gute Leistung erwartet, gehört zu einem guten Arbeitsplatzklima einfach dazu. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, an ihrem Arbeitsplatz gesehen, geschützt und geschätzt zu werden, wenn sie merken, dass ihre Arbeit einen Unterschied macht und sie diese auch selbst als sinnvoll erfahren, ist für sie auch das Risiko für ein Burnout reduziert.“

DAK-Psychologin Maria Austermann