Leiden wir unter Impfmüdigkeit? Braucht Deutschland die Impfpflicht? Die DAK-Gesundheit im Experteninterview mit Prof. Michael Fischer.

Beim Impfen geht es um Eigenverantwortung

Professor Michael Freitag von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Gespräch

Masern- und Grippewellen sorgen für hitzige Diskussionen: Braucht Deutschland die Impfpflicht? Ist Impfen überhaupt sinnvoll? Die DAK-Gesundheit hat zu diesen Themen mit Professor Michael Freitag von der Carl von Ossietzky Universität gesprochen.

Viele Experten warnen von einer Impfmüdigkeit in Deutschland. Ist das wirklich ein Problem?


Auf jeden Fall gibt es Nachholbedarf. Damit auch Menschen mit geschwächtem Immunsystem sowie noch nicht geimpfte Säuglinge vor Infektionskrankheiten geschützt sind, brauchen wir Impfquoten von mindestens 95 Prozent. Man spricht dann von einem funktionierenden Herdenschutz. Im Moment liegen wir bei ungefähr 91 Prozent – das reicht zum Beispiel im Falle der Masern nicht aus, um Ausbrüche zu verhindern. 

DAK-Experte Prof. Michael Fischer

DAK-Experte Prof. Michael Fischer über Impfmüdigkeit und Impfpflicht

Wäre eine Impfpflicht die Lösung?


Nein, aus meiner Sicht nicht. Beim Impfen geht es um Eigenverantwortung, für sich selbst, aber auch für die Mitmenschen. Viel besser als Zwang ist Aufklärung, damit sich noch mehr Menschen freiwillig impfen lassen. Das Problem: Einige Gerüchte halten sich hartnäckig, zum Beispiel, dass die Masernimpfung Autismus verursachen könnte. Und das, obwohl die Studie dazu schon vor Jahren als Fälschung entlarvt wurde. Dagegen hilft nur seriöse Information! Was ich beispielsweise sinnvoll finde, sind systematische Erinnerungen an Impfungen sowie der Impfnachweis bei der Aufnahme in den Kindergarten oder die Kita. Dadurch könnte das Risiko für Masernepidemien reduziert werden. 

Immer wieder machen Berichte über Impfschäden die Runde. Wie sind die einzuordnen?


Solche Schreckensnachrichten bleiben in den Köpfen vieler Menschen hängen. Fakt ist aber, dass Impfschäden äußerst selten vorkommen. Vor allem deutlich seltener als ernste gesundheitliche Schäden, die Infektionskrankheiten verursachen können. Beispiel Masern: Das Risiko, nach einer Impfung einen Hirnschaden zu erleiden, beträgt 1:1.000.000. Dagegen ist das Risiko, im Verlauf einer Masernerkrankung eine schwere Hirnentzündung zu bekommen, rund tausend Mal höher.

Was tun, wenn der Impfpass weg ist?


Wer noch weiß, in welcher Praxis er geimpft wurde, kann dort nachfragen. Zumindest die Impfungen der letzten zehn Jahre werden dort dokumentiert. Auch ein Bluttest zeigt Antikörper gegen bestimmte Erreger an. Wenn trotzdem Zweifel bestehen, sollte der Arzt die wichtigsten Impfungen sicherheitshalber nachholen und in einem neuen Impfpass dokumentieren. 

Die Liste der empfohlenen Impfungen wird immer länger. Sind alle notwendig?


In Deutschland sind sowohl der allgemeine Gesundheits- und Ernährungszustand als auch die medizinische Versorgung in der Regel hervorragend, deshalb halte ich nicht alle Impfungen für gleich wichtig. Wer jung und gesund ist, braucht keine Grippeimpfung und wird auch eine Infektion mit Rotaviren überstehen. Standardimpfungen wie Tetanus, Diphtherie und Polio, aber auch Masern und Röteln hingegen sind definitiv unverzichtbar. Hier hilft das persönliche Gespräch mit dem Haus- oder Kinderarzt beim Abwägen der Risiken. 

Kinderlähmung ist längst ausgerottet. Warum sollte man noch dagegen impfen?


Krankheiten wie die Kinderlähmung oder Diphtherie treten in unseren Breitengraden nur deshalb nicht mehr auf, weil der Impfschutz seit Jahrzehnten hoch ist. In Asien oder Russland hingegen brechen diese Krankheiten immer wieder aus. Damit sie sich nicht ausbreiten können, ist konsequenter Schutz wichtig.

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Zuletzt aktualisiert:
Fri Oct 30 09:58:54 CET 2015

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