Psychopharmaka: Umstrittene kleine bunte Pillen mit großer Wirkung.

Psychische Leiden: Wie gefährlich sind Psychopharmaka?

Professor Gerd Glaeske über das Für und Wider von Antidepressiva

Psychopharmaka: Umfragen in der Bevölkerung zeigen immer wieder, dass viele Menschen sie mit großer Skepsis betrachten. Auch wenn die Akzeptanz dieser Mittel zur Behandlung von psychischen Krankheiten und Störungen steigt, werden Psychopharmaka doch häufig mit der Entwicklung einer Abhängigkeit, der Ruhigstellung älterer Menschen, der Anpassung von Kindern an das gegenwärtige Schulsystem oder der Verbesserung der Leistungsbereitschaft von Erwachsenen am Arbeitsplatz in Zusammenhang gebracht.

DAK-Experte Prof. Dr. Gerd Glaeske zum Thema Psychopharmaka

DAK-Experte Prof. Dr. Gerd Glaeske ist Co-Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am SOCIUM - Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen

Kritik an Herstellern: Der Psychopharmaka-Umsatz soll wachsen

Daneben gibt es immer wieder Kritik an den Herstellern, die oftmals schwerwiegende, unerwünschte Wirkungen und Risiken bei Psychopharmaka herunterspielen und Studienergebnisse besser darstellen als es der Wirklichkeit entspricht – der Umsatz von jetzt schon rund 1,4 Milliarden Euro soll schließlich weiter wachsen.

1,5 Millionen Menschen abhängig von Psychopharmaka

Die Skepsis vieler Menschen ist nicht immer unberechtigt: In der Tat gibt es in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen, vor allem ältere Frauen, die von Tranquilizern und Schlafmitteln abhängig sind. Diese Psychopharmaka-Mittel sind allesamt abgeleitet von Valium, einem Arzneimittel, das bereits 1963 auf den Markt kam und dessen „Kinder“ und „Enkel“ noch heute Bedeutung in der Therapie haben, zum Beispiel bei der Vorbereitung von Operationen, bei Krämpfen, bei akuten Schlafstörungen oder bei Angst- und Panikattacken.

Psychopharmaka leiden unter einem schlechten Ruf

Werden Psychopharmaka richtig angewendet, nämlich nicht länger als acht bis 14 Tage, wird sich keine Abhängigkeit entwickeln. Besonders kritisch werden Psychostimulanzien wie Ritalin oder Medikinet diskutiert, die Kindern zur Behandlung von ADHS gegeben werden – zu schnell, zu viel und zu lange lautet der Vorwurf. Und Antidepressiva, die derzeit am häufigsten verordneten Psychopharmaka, werden im Zusammenhang mit erhöhter Leistungsbereitschaft am Arbeitsplatz, in der Ausbildung oder im Studium angewendet, kein wirklicher Indikationsbereich für diese Mittel. So werden bei vielen dieser Psychopharmaka, bei den Tranquilizern, den Neuroleptika, den Psychostimulanzien und den Antidepressiva, oft die kritischen Aspekte herausgestellt, die unerwünschten Wirkungen. Sie werden hinter den verschlossenen Türen der Psychiatrie angewendet, sie werden für Menschen verordnet, die Probleme mit der Gesellschaft haben, oder für „Verrückte“, die besser ruhiggestellt werden.

Psychopharmaka: Die richtige Anwendung ist entscheidend

Das alles ist aber nur die eine Seite. Wie bei allen Arzneimitteln kommt es nämlich auch bei den Psychopharmaka auf die richtige Anwendung und die richtige Dosierung bei der richtigen Diagnose an. Dann zeigen sich auch der Nutzen dieser Arzneimittel und der Fortschritt, den diese Mittel für viele Patientinnen und Patienten mit sich gebracht haben.

Ambulante Behandlungen dank Psychopharmaka

Wie viele Menschen mit psychischen Krankheiten mussten noch vor 50 Jahren stationär behandelt werden, über Wochen und Monate in abgeschlossenen Kliniken? Psychopharmaka haben in vielen Fällen dazu beitragen können, dass diese Menschen nun außerhalb von Klinikmauern ambulant behandelt werden und mit guter Lebensqualität am Alltag teilnehmen können. Die Öffnung der Kliniken, die Ende der 1970er Jahre mit der „Blauen Karawane“ von Italien ausging, wäre ohne wirksame Mittel wie Neuroleptika nicht möglich gewesen.

Psychopharmaka schützen häufig vor Selbstmord

Ebenso tragen Antidepressiva dazu bei, dass bei vielen Betroffenen die Depressionen nicht zur Selbsttötung führen wie dies zum Beispiel bei Robert Enke, dem Torhüter von Hannover 96, zu beklagen war. Und Angst- und Panikattacken können mit Psychopharmaka wie Tranquilizern wirkungsvoll in Grenzen gehalten werden. Insofern sind Psychopharmaka, wenn sie richtig eingesetzt werden, auch Mittel zur Befreiung von kranken Menschen.

Verträglichkeit von Psychopharmaka hat leider nicht immer höchste Priorität

Oft genug werden aber noch immer Therapieentscheidungen gefällt, die mehr den Informationen der Pharmaindustrie folgen als unabhängig erstellten Leitlinien und Empfehlungen. Ein wichtiger Aspekt betrifft die Verträglichkeit von Psychopharmaka, insbesondere bei älteren Menschen: Die sogenannte PRISCUS-Liste nennt Arzneimittel, die bei älteren Menschen eher vermieden werden sollten, sie nennt aber auch Alternativen.

Psychopharmaka ohne Psychotherapie sind nicht ausreichend

Ein letzter Punkt ist ebenso wichtig: Die Psychotherapie und die psychosoziale Aufarbeitung gehört neben die Behandlung mit Psychopharmaka. Nur Arzneimittel alleine verändern zumeist nichts an der gesamten Situation der Patienten.

Zuletzt aktualisiert:
Thu Sep 29 14:30:35 CEST 2016
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