Gender und psychische Probleme: Wie Frauen und Männer unter psychischen Erkrankungen leiden

Gender und psychische Probleme: Sind Frauen stärker betroffen?

Ein Interview mit Professorin Anne Maria Möller-Leimkühler

Gender und psychische Probleme: Bei vielen Krankheitsbildern gibt es ausgeprägte geschlechtsabhängige Unterschiede. So zeigt der DAK-Psychoreport, dass die Betroffenenquote bei psychischen Erkrankungen stark auseinanderdriftet: Frauen sind mit knapp sechs Prozent fast doppelt so oft mit psychischen Leiden krankgeschrieben wie Männer (3,3 Prozent). Auch epidemiologische Studien verdeutlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Warum die Unterschiede so groß sind und welchen Einfluss eine geschlechtsspezifische Wahrnehmung und Präsentation von Beschwerden auf das Krankheitsgeschehen hat, ist ein Forschungsschwerpunkt von Prof. Dr. Anne Maria Möller-Leimkühler. Sie ist leitende Diplom-Sozialwissenschaftlerin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

DAK-Expertin Prof. Dr. rer. soc. Anne Maria Möller-Leimkühler: Leitende Diplom-Sozialwissenschaftlerin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München

DAK-Expertin Prof. Dr. rer. soc. Anne Maria Möller-Leimkühler zum Thema Gender und psychische Gesundheit

Gender und psychische Probleme: Warum haben Frauen wesentlich mehr Fehltage wegen psychischer Störungen als Männer?


Frauen sind sehr viel sensibler, was körperliche Vorgänge angeht. Sie nehmen Symptome schneller wahr und reagieren darauf. Ihr Gesundheitsverständnis ist eher ganzheitlich. Männer hingegen haben stärker ein instrumentelles Verhältnis zum Körper. Es ist für sie selbstverständlich, dass er funktioniert und sich selbst reguliert. Wenn sie doch etwas wahrnehmen, bagatellisieren sie es lieber. Männer vermeiden einen Arztbesuch, so lange es geht. Präsentismus ist bei ihnen verbreiteter: Obwohl sie sich nicht gut fühlen, gehen sie zur Arbeit. Da spielt auch die Angst vor einem möglichen Arbeitsplatzverlust eine Rolle.

Das bedeutet, in Bezug auf Gender haben Männer eigentlich gar nicht weniger psychische Probleme als Frauen?

Zumindest muss man davon ausgehen, dass psychische Störungen bei ihnen unterdiagnostiziert und unterbehandelt sind. Das liegt zum Einen daran, dass Männer weniger Krankheitseinsicht haben als Frauen. Sie merken erst, wenn sie den Boden unter den Füßen verlieren, dass sie depressiv sind. Zum Anderen verarbeiten sie beispielsweise eine Depression ganz anders als Frauen. Sie zeigen Verhaltensweisen, die wir traditionellerweise nicht im Kontext dieser Störung interpretieren.

Gender und psychische Probleme: Wie verhalten sich Männer bei einer Depression?

Männer zeigen eher externalisierende Verhaltensweisen. Sie reagieren verstärkt mit Aggressivität, Hyperaktivität und antisozialem Verhalten. Auch problematischer Alkoholkonsum gehört zu den männerspezifischen Symptomen. Weil diese Symptome in den gängigen Fragebögen zur Diagnostik nicht enthalten sind, bleiben Männer oft unter dem Schwellenwert für eine klinische Depression. Sobald diese Symptome mit aufgenommen werden, sind die Unterschiede in der Prävalenz gering.

Eine schreckliche Folge unzureichend behandelter psychischer Probleme sind Selbstmorde. Wie interpretieren Sie hinsichtlich der Gender-Thematik die höhere Suizidrate bei Männern?


Drei Viertel aller vollendeten Suizide sind Männern zuzuordnen. Das ist ein Paradoxon: 70 Prozent der Selbsttötungen stehen in Zusammenhang mit einer Depression, aber Männer sind nur halb so häufig depressiv wie Frauen. Daran kann man ablesen, wie hoch die Dunkelziffer von Depressionen in der männlichen Bevölkerung sein muss. Statt Hilfe zu suchen, bringen Männer sich um. Hilfe zu suchen ist im traditionellen Männlichkeitsverständnis keine Form der Problemlösung, sondern bedeutet
eigenes Versagen und Unmännlichkeit.

Gender und psychische Probleme: Welche Rolle spielt das traditionelle Männer- und Frauenbild und ist die Stigmatisierung bei psychisch erkrankten Männern größer?

Männer werden deutlich stärker stigmatisiert. Das hängt mit unserem traditionellen Männerbild zusammen. Männer assoziieren wir eher mit psychischer Gesundheit. Sie gelten als psychisch stabil, rational und aktiv. Deshalb werden psychische Störungen von ihnen selbst eher als Charakterschwäche angesehen. Frauen hingegen billigt man zu, dass sie depressiv, passiv und emotional sind. Frauen gelten klassischerweise als das psychisch kranke Geschlecht, denken Sie nur an Freud.

Gender und psychische Probleme: Trotzdem gibt es auch bei den Männern einen rasanten Anstieg bei den Fehltagen. Vor allem bei Depressionen, Anpassungs- oder Angststörungen.

Das hat verschiedene Gründe. Erstens zeigt sich darin ein gewisser Trend zur Entstigmatisierung. Männer sind heute eher bereit, psychische Probleme zuzugeben, als noch vor fünf oder zehn Jahren. Zweitens liegt das auch an der zunehmenden Bedeutung, die psychosoziale Stressbelastungen am Arbeitsplatz für die Entwicklung psychischer Störungen haben. Gerade die Anpassungsstörungen kann man als Reaktion auf Belastungssituationen interpretieren, die man selbst nicht mehr in den Griff bekommt. Ein dritter Grund ist, dass heute die diagnostische Erkennungsrate – auch bei Allgemeinmedizinern – besser ist.

Zuletzt aktualisiert:
Thu Oct 29 12:45:37 CET 2015
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