Pressemeldung

Demenz – Angehörige am Ende ihrer Kräfte

DAK-Pflegereport zeigt: Neun von zehn Pflegenden fordern mehr Unterstützung

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Pflegen bis zur Erschöpfung: Wer sich intensiv um demente Angehörige kümmert, ist oft am Ende seiner Kräfte. 59 Prozent geben dies an. Selbst im weiteren Umfeld von Menschen mit Demenz sagt jeder Dritte, oft erschöpft zu sein. Neun von zehn fordern mehr Unterstützung. Außerdem sind 80 Prozent der Deutschen der Meinung, dass sowohl Menschen mit Demenz als auch deren Familien mehr Respekt verdienen. Das geht aus dem aktuellen Pflegereport der DAK-Gesundheit hervor. Der Report zeigt erstmals, dass jeder Fünfte Wohngruppen für die beste Betreuungsform Demenzkranker hält. In Wohngruppen leben jedoch nur knapp zwei Prozent der Betroffenen. Laut der DAK-Studie gibt es außerdem Defizite in Diagnostik und Versorgung. Angesichts der Ergebnisse schlägt DAK-Vorstandschef Andreas Storm neue Wege vor, die Pflege zu stärken. Derzeit leben in Deutschland rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Schätzungen zufolge könnten es 2050 doppelt so viele sein.

Beim Wunsch nach mehr Unterstützung steht das Geld an erster Stelle: 86 Prozent der Befragten geben an, mehr finanzielle Hilfe zu brauchen. Zwei von drei möchten mehr Unterstützung durch professionelle Dienste. 60 Prozent erwarten für sich und ihre dementen Familienmitglieder mehr Selbsthilfe-, 42 Prozent mehr Informationsangebote. Jeder dritte pflegende Angehörige will Unterstützung durch Freiwillige und günstigere Möglichkeiten, sich von privaten Pflegekräften unterstützen zu lassen. Für den DAK-Pflegereport hat das AGP Institut Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg untersucht, welche Erfahrungen, Erwartungen und Ängste die Menschen zum Thema Demenz haben. Dabei stand im Mittelpunkt: Ist trotz Demenz ein gutes Leben möglich?

Gutes Leben mit Demenz halten viele für möglich

„Ein überraschendes Ergebnis des DAK-Pflegereports ist die positive Haltung vieler Menschen zu Demenz“, sagt DAK-Chef Andreas Storm. „Fast jeder zweite der Befragten mit dementen Angehörigen hält ein gutes Leben mit Demenz durchaus für möglich.“ Insgesamt stimmen dieser Aussage 39 Prozent zu.

Mehr als 80 Prozent aller Befragten wünschen sich jedoch auch mehr Anerkennung für Angehörige und mehr Respekt gegenüber Erkrankten. „Wir müssen die Krankheit als soziale Tatsache akzeptieren und lernen, Betroffene mitsamt ihrer Persönlichkeit zu respektieren“, sagt Storm. „Menschen mit Demenz haben das gleiche Recht auf Würde, Selbstbestimmung und ein sinnerfülltes Leben wie wir alle.“

Wunschgemäße Betreuung derzeit kaum machbar

Knapp jeder vierte Deutsche hat schon Angehörige mit Demenz begleitet. 69 Prozent der Menschen mit Demenz haben laut Befragung in ihrem eigenen Zuhause gelebt. Bei der Frage, welches die beste Art der Betreuung und Unterbringung ist, herrscht dennoch Unsicherheit. 35 Prozent der Befragten mit Demenzerfahrung halten den eigenen Haushalt für den besten Ort für Menschen mit Demenz. 22 Prozent halten ambulant betreute Wohngruppen für die bessere Alternative. Andere nennen gute Pflegeheime (16 Prozent) oder den Haushalt von Angehörigen (13 Prozent). „Der Report zeigt erstmals, wie viele Menschen ambulant betreute Wohngruppen für Demenzkranke befürworten“, sagt Pflegeexperte Thomas Klie, der den Report wissenschaftlich begleitet hat. „Leider deckt sich die Realität jedoch nicht mit den Wünschen der Bevölkerung. Gerade diese Form der Betreuung ist nur in wenigen Regionen verfügbar.“

DAK-Chef Storm schlägt Pflegekompetenzzentren vor

Andreas Storm fordert daher, neue Wege zu gehen. Sein Vorschlag: Krankenhäuser, die nicht mehr benötigt werden, sollen in Pflegekompetenzzentren umgewandelt werden. Dort können wichtige Angebote, von Beratung über spezialisierte Wohngruppen bis Kurzzeitpflege, unter einem Dach gebündelt werden. Grenzen zwischen ambulanter Pflege, Geriatrie und Pflegeheimen würden überwunden. „Gerade im kommunalen und ländlichen Bereich könnte so die Pflege gestärkt werden“, sagt Storm. „Pflegekompetenzzentren kämen sowohl den Pflegebedürftigen als auch deren Angehörigen zu Gute.“

Demenz: Defizite in Versorgung und Diagnostik

Teil des DAK-Pflegereports ist eine Auswertung von Patientendaten. Diese zeigt Handlungsbedarf: Fast alle Demenzpatienten (95 Prozent) werden nach ihrer Diagnose mindestens einmal pro Quartal ärztlich behandelt. Drei von vier müssen im Jahr nach der Diagnose ins Krankenhaus. Dort werden sie häufiger als andere wegen Flüssigkeitsmangel (plus fünf Prozent), Oberschenkelbruch oder Delirium (jeweils plus vier Prozent) behandelt. „Das sind besorgniserregende Zahlen die zeigen, dass die Versorgung demenziell Erkrankter nicht optimal ist“, sagt Klie. Auch die Diagnostik sei nicht immer klar genug, um die beste Versorgung sicherzustellen, warnt Klie: Fast zwei Drittel der Erstdiagnosen von Demenz werden nicht anhand adäquater Leitlinien gestellt.

Steigende Pflegekosten nach der Diagnose

Neben der Bedeutung für Betroffene und Angehörige stellt der DAK-Pflegereport den Einfluss von Demenzdiagnosen auf das Gesundheitssystem heraus. Die Kosten, die für einen Patienten in Kranken- und Pflegeversicherung entstehen, steigen nach einer Demenzdiagnose um 89 Prozent: Im Jahr vor der Diagnose sind es im Schnitt 12.768 Euro, im Jahr danach 24.128 Euro. Vor allem der Anteil der Pflegeleistungen steigt von rund 32 auf rund 42 Prozent der Gesamtkosten.

Neues Online-Angebot für Angehörige

Für Angehörige von Menschen mit Demenz gibt es jetzt ein neues Online-Angebot der DAK-Gesundheit und der Moderatorin und Unternehmerin Sophie Rosentreter. Rosentreter bringt in empathischen Filmen näher, wie sich Betroffene fühlen und wie eine Demenz Menschen verändert. Ziel ist es, Verständnis zu wecken und für etwas Leichtigkeit im Umgang mit dem schweren Thema zu sensibilisieren. Die Filmreihe „pflegeleicht“ kann im Netz unter www.dak.de/dak/gesundheit/pflegeleicht.de und in der App DAK-Pflegeguide abgerufen werden. Die Langfassungen der Filme stehen im Online-Pflegekurs der DAK-Gesundheit, dem DAK-Pflegecoach, zur Verfügung. Diese und viele weitere Service-Angebote gibt es unter www.dak.de/pflege im Internet.

Der DAK-Pflegereport umfasst eine repräsentative Bevölkerungsbefragung, Auswertungen von DAK-Daten, qualitative Interviews mit Menschen, die demenziell Erkrankte Angehörige begleitet haben, und Versorgungsbeispiele aus der Praxis.

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Statement Andreas Storm

Statement von Andreas Storm, Vorsitzender des Vorstandes der DAK-Gesundheit, im Rahmen der Pressekonferenz am 26.10.2017 in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Hoffnung ist kein naheliegendes Wort, wenn es um Demenz geht. Die Krankheit ist bislang nicht heilbar. Und da unsere Gesellschaft im Ganzen altert und gleichzeitig die Lebenserwartung steigt, gibt es immer mehr Betroffene. Schätzungen zufolge könnten 2050 allein in Deutschland drei Millionen Menschen mit Demenz leben.

Trotzdem: Unser Pflegereport 2017 gibt Hoffnung. Er zeigt, mit welcher Haltung die Menschen der Krankheit Demenz begegnen. Ronald Reagan hat einmal gesagt: „Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt.“ So wie der ehemalige US-Präsident sehen auch viele Deutsche Demenz als natürliche letzte Lebensphase. Viele Menschen wissen außerdem, dass soziale Kontakte und körperliche Zuwendung entscheidende Faktoren sind, um Menschen mit Demenz ein gutes Leben zu ermöglichen. Mit diesen Ergebnissen gibt der Report ein tiefenschärferes Bild als reine Statistiken.

So zeigt der Report auch, dass nicht alles gut ist. Die wichtigsten und bemerkenswertesten Ergebnisse: 59 Prozent derer, die sich intensiv um Demenzkranke kümmern, sind oft am Ende ihrer Kräfte. Neun von zehn fordern mehr Unterstützung. Und jeder fünfte Pflegende hält ambulante Wohngruppen für die beste Form der Betreuung von Demenzkranken – eine Betreuungsform, die kaum verfügbar ist. Nur 35 Prozent nennen das eigene Zuhause der Betroffenen als besten Ort, um ein Leben mit Demenz zu führen. Der DAK-Pflegereport zeigt hier eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die in dieser Form neu ist und übliche Versorgungsmodelle in Frage stellt. Hier brauchen wir dringend

neue Ideen und Ansätze, um den Bedürfnissen von Demenzkranken
und Angehörigen gerecht zu werden. Auch die Defizite in Diagnostik und Versorgung, die unser Report deutlich macht, zeigen Handlungsbedarf: Demenzkranke müssen zum Beispiel öfter als andere Patienten wegen Flüssigkeitsmangel oder Oberschenkelbrüchen behandelt werden.

Wir haben jetzt ein neues Online-Angebot für Angehörige entwickelt, um den Umgang mit Demenz etwas leichter zu machen. Unterstützt hat uns dabei Sophie Rosentreter, die Sie als Moderatorin und Unternehmerin kennen. Frau Rosentreter engagiert sich schon lange für Menschen mit Demenz. Sie hat für uns Videos entwickelt, die näherbringen, wie sich Betroffene fühlen und wie Angehörige darauf reagieren können, wenn sich ein lieber Mensch verändert.

Wir zeigen mit diesen Filmen einen anderen Weg, mit Demenz umzugehen. Denn um die Herausforderung gesamtgesellschaftlich meistern zu können müssen wir lernen, die Krankheit als Lebensform anzuerkennen. Dazu gehört eine Abbildung in den Medien, die über den Schrecken des Vergessens, die Auflösung einer Persönlichkeit hinausgeht. Nur mit einem neuen Verständnis können wir Menschen mit Demenz ein Leben mit Sinn, Würde, Beteiligung und menschlicher Nähe – kurz: ein gutes Leben ermöglichen.

Ich darf nun Professor Thomas Klie bitten, uns die Ergebnisse des neuen Pflegereports vorzustellen.

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Zuletzt aktualisiert:
Tue Nov 07 10:13:59 CET 2017

Jörg Bodanowitz

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