Pressemitteilung

DAK-Gesundheitsreport 2014: Rushhour des Lebens ohne Krankenschein

Studie untersucht Mehrfachbelastung bei 25- bis 39-Jährigen

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Kind, Karriere und kein Krankenschein: Obwohl viele Männer und Frauen in der „Rushhour des Lebens" wegen Mehrfachbelastung unter Druck stehen, wirkt sich das nicht bei den Krankschreibungen aus. Laut aktuellem DAK-Gesundheitsreport sind 25- bis 39-jährige Berufstätige auf den ersten Blick sogar besonders gesund. Nach der Untersuchung haben die Erwerbstätigen mit und ohne Kinder die gleichen Belastungswerte durch chronischen Stress.

Die DAK-Gesundheit untersucht in ihrem Report insbesondere die gesundheitliche Situation der sogenannten Rushhour-Generation. Die Krankenkasse hat dafür den Krankenstand ihrer Mitglieder analysiert und über 3.000 Männer und Frauen im Alter von 25-40 Jahren repräsentativ befragt. Sie empfinden die Rushhour des Lebens als einen persönlichen und beruflichen „Entscheidungsmarathon“, der sich aber in dieser Phase noch nicht negativ auf ihre Gesundheit auswirkt. Im Gegensatz zu den jüngeren und älteren Erwerbstätigen sind die 25- bis 39-Jährigen besonders wenig krank. Die Zahl der Ausfalltage liegt bei den Männern 28 Prozent und bei den Frauen 24 Prozent unter dem Durchschnitt.

Der DAK-Report fragte auch nach Belastungsfaktoren wie Überforderung, zu große Verantwortung oder mangelnde Anerkennung. Dabei zeigen sich nahezu keine Unterschiede zwischen Berufstätigen mit und ohne Kinder. Selbst in Vollzeit arbeitende Mütter haben keine höheren Stresswerte als Mütter in Teilzeit oder nicht erwerbstätige Mütter. Aus Sicht der Beschäftigten bieten allerdings Arbeitgeber in der Rushhour nur begrenzte Entlastungsmöglichkeiten an.

„Sollen diese besonders beanspruchten jüngeren Arbeitnehmer bis zum 67. Lebensjahr produktiv bleiben, müssen die Arbeitgeber nachhaltiger in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren“, erklärt Herbert Rebscher, Vorstandschef der DAK-Gesundheit. „Der niedrige Krankenstand darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in diesem Alter erste Ansätze für chronische Krankheiten bilden.“ So sind in der Rushhour des Lebens bereits vier von zehn Beschäftigten mit Rückenproblemen in Behandlung. Unter den 20 häufigsten Einzeldiagnosen bei Männern gibt es neben den akuten Beschwerden auch bereits langfristige Beeinträchtigungen. Sieben Prozent der Männer sind schon in Behandlung wegen Bluthochdruck, der häufig in Verbindung mit Stress und Bewegungsmangel steht. Etwa jeder fünfte Mann und sogar jede dritte Frau muss wegen eines psychischen Leidens zum Arzt. Diese Krankheitsbilder sind in dieser Altersphase beachtenswert, da sie häufig wiederkehren und den Gesundheitszustand langfristig erheblich beeinträchtigen können.

Berufstätige Eltern achten weniger auf ihre Gesundheit

Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, dass erwerbstätige Eltern weniger auf ihre Gesundheit achten. Denn im Spagat zwischen Job und Kindern machen viele Eltern Abstriche bei sich selbst: Während fast ein Drittel der berufstätigen Frauen ohne Kinder viel Sport treibt, ist es bei den Müttern nur ein Sechstel. Auch im Hinblick auf gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf schneiden Erwerbstätige mit Kindern durchschnittlich schlechter ab als die ohne Kinder.

Familiengründung wird verschoben

Nach der Umfrage wünscht sich die Mehrheit Kinder und Karriere, aber jede fünfte Frau glaubt nicht, dass sie „beides schaffen kann“. Bei den Männern ist es jeder Siebte. Die Befragten sehen nicht nur eine stabile Partnerschaft, sondern auch ein gutes und sicheres Einkommen als Voraussetzung für Kinder an. Die Ausbildung solle abgeschlossen sein, das Studium fertig und der Berufseinstieg geglückt. „Dieses Verhalten ist hoch rational vor dem Hintergrund der sich verändernden Arbeitswelt“, betont Rebscher. „Die Folge ist allerdings, dass viele ihren Kinderwunsch aufschieben, bis sie an natürliche Grenzen stoßen.“

Betriebe können viel für ihre Beschäftigten in der Rushhour tun

Der DAK-Gesundheitsreport gibt Hinweise, wie Arbeitgeber die betroffene Altersgruppe entlasten können. 62 Prozent der erwerbstätigen Eltern können bereits Teilzeit nutzen, 36 Prozent Gleitzeit. Die ganze Breite familienfreundlicher Angebote kommt aber nur wenigen Beschäftigten zugute. Obwohl den Eltern Betriebskindergarten oder Krippen besonders wichtig sind, profitieren davon bisher erst sechs beziehungsweise drei Prozent aller Eltern.

Auffällig ist zudem, dass die bestehenden Angebote nicht allen Beschäftigten in gleicher Weise zugute kommen. Nicht-Akademiker profitieren sehr viel weniger als Akademiker. Das mag daran liegen, dass sich ihre Aufgaben problemloser beispielsweise in ein Home-Office verlagern lassen. Die Herausforderung der Arbeitgeber besteht darin, auch für Mitarbeiter in der Produktion oder im schichtgebundenen Dienstleistungsbetrieb Lösungen zu erarbeiten.

Krankenstand 2013

Für die Analyse des Krankenstandes wurden die Daten von 2,7 Millionen erwerbstätigen Versicherten der DAK-Gesundheit durch das IGES Institut in Berlin ausgewertet. Der Krankenstand insgesamt stieg im vergangenen Jahr von 3,8 auf 4 Prozent an. Dies bedeutet, dass an jedem Tag des Jahres durchschnittlich 4 von 100 Erwerbstätigen krank geschrieben waren. 2013 hat sich erstmals mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen Versicherten (50,6 Prozent) mindestens einmal im Jahr von einem Arzt krank schreiben lassen. Dabei gingen die meisten Ausfalltage auf das Konto der sogenannten Muskel-Skelett-Erkrankungen, wie beispielsweise Rückenschmerzen. Psychische Leiden nahmen erneut leicht zu. Sie verursachten rund fünf Prozent mehr Fehltage als 2012 und rangieren jetzt auf der Liste der wichtigsten Diagnosen für Ausfalltage auf Platz drei. Es folgen Verletzungen und Verdauungsbeschwerden.

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Statement

Statement von Prof. Dr. h.c. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit

(Es gilt das gesprochene Wort!)

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Seit Jahren befragen wir die Menschen zum Jahreswechsel nach ihren Wünschen und den guten Vorsätzen für das neue Jahr. Die guten Vorsätze verschwinden bekanntlich schnell wieder aus unseren Köpfen, deswegen möchte ich an dieser Stelle an den uns regelmäßig vorgetragenen und dringlichsten Wunsch erinnern. Er lautet: „Wir wünschen uns mehr Zeit für die Familie und weniger Stress“.

Drückt dieser Wunsch einfach das verständliche Bedürfnis nach mehr Gemeinsamkeit in der Familie aus, oder steckt mehr dahinter? Unter Umständen ist er Ausdruck einer mehr oder minder großen Erschöpfung in gewissen Lebensphasen. In welchen Lebensphasen bündeln sich verschiedene Anforderungen in Beruf, Familie und Karriere in besonderer Weise? Und unter welchen Bedingungen werden diese Anforderungen als starke Belastung oder gar als Überforderung wahrgenommen? Welche Belastungskonstellationen führen dazu, dass Betroffene ärztliche Hilfe suchen oder schlimmstenfalls ein psychisches Leiden entwickeln?

Dies sind Fragen, die uns als Krankenkasse interessieren –  die uns brennend interessieren müssen vor dem Hintergrund der nochmals deutlich gestiegenen Fehltage aufgrund psychischer Diagnosen. Die aktuellen Zahlen in unserem Report belegen diesen Trend erneut auch für das abgelaufene Jahr.

Wer als große Kasse in dem Diagnosefeld der psychischen Erkrankungen Prävention gezielt vorantreiben und Unternehmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement fundiert unterstützen möchte, der muss sich den vielschichtigen Ursachen der psychischen Diagnosen zuwenden. Es reicht nicht, pauschal und plakativ veränderte Arbeitswelten mit der Zunahme psychischer Erkrankungen in Verbindung zu bringen. Sondern man muss sich den häufig kumulativ wirkenden Einflüssen der Lebens- und Arbeitswelten insgesamt zuwenden. Diesem Anspruch möchten wir mit der Themenstellung unseres diesjährigen Gesundheitsreports ein Stück weit näher kommen.

Unter der Überschrift „Rushhour des Lebens – Gesundheit im Spannungsfeld von Job, Karriere und Familie“ möchten wir uns der Lebens- und Belastungssituation der 25- bis 39-jährigen Berufstätigen widmen. Diese verfügen zwar noch über gute Gesundheitsressourcen, doch verlängerte Ausbildungszeiten, späterer Berufseinstieg und der Trend zu immer späterer Elternschaft führen dazu, dass in diesem Lebensjahrzehnt viele Aufgaben gleichzeitig auf die Betroffenen einstürzen.

Wie schaffen es Familien trotz Rushhour, eine Balance zu finden und sich zu organisieren? Welche Möglichkeiten bieten Betriebe ihren Beschäftigten, damit sich Familie und Beruf leichter miteinander vereinbaren lassen? Welche Akzente und Anreize sind wirklich sinnvoll?

Nicht zuletzt die Diskussion um den Fachkräftemangel, die erhöhte Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie veränderte Erwartungen der Beschäftigten setzen heute viele Unternehmen oder sogar Branchen unter verstärkten Zugzwang, Lösungen zu entwickeln. Exemplarisch möchte ich hier die Gesundheitsbranche nennen. Der ärztliche Nachwuchs in den Krankenhäusern ist seit einigen Jahren überwiegend weiblich. Verbesserte Rahmenbedingungen für familienfreundliches Arbeiten sind hier dringend notwendig. Auch im ambulanten Bereich wird man nicht die Augen davor verschließen dürfen, dass es eine zunehmende Anzahl an jungen Ärzten – Frauen wie Männer – gibt, die sich familienfreundliches Arbeiten ermöglichen wollen. Sie üben ihren Beruf deshalb lieber in Praxisgemeinschaften, Ärztehäusern oder als angestellter Arzt in einer Praxis oder einem Medizinischen Versorgungszentrum aus.

Als wir begannen die Studie auszuarbeiten, war uns nicht klar, welche Aktualität die Diskussion um eine familienfreundlichere Arbeitswelt mit dem Start der großen Koalition haben würde. Eine 32-Stunden-Woche für junge Eltern? Kitas in Kasernen? Ministerinnen und Minister, die sich mehr Zeit für den Nachwuchs nehmen wollen? In Deutschland wird seit mehr als 30 Jahren über die Rahmenbedingungen zur Harmonisierung von Familie und Beruf diskutiert, ein politischer Dauerbrenner. Und trotzdem haben Millionen Männer und Frauen aus unterschiedlichen Gründen das Gefühl, daran zu scheitern. Sicher haben bei diesem Thema geschlechtsdifferenzierte Sichtweisen auch heute noch ihre Berechtigung.

Denn vor allem Frauen schultern familiäre Konflikte und die Belastungen der Kindererziehung mit häufig überfrachteten Ansprüchen an sich selbst und dem berechtigten Wunsch, auch im Beruf voran zu kommen. Aber Männer sind am Arbeitsplatz ebenfalls mit tradierten Einstellungen konfrontiert: Ein 32- Stundenjob gilt gerade für sie als Karrierebremse und der pünktliche Abgang um fünf Uhr wird noch immer von vielen Vorgesetzten mit einem Naserümpfen quittiert.

Wo bleibt die Gesundheit in diesem Spannungsfeld von Job, Karriere und Familie? Wer an den gestellten Ansprüchen scheitert oder seiner Selbsterwartung nicht genügt, droht auf Dauer psychisch zu erkranken.

Darüber hinaus haben eine familienfreundlichere Arbeitswelt und die ergänzenden gesellschaftlichen und familienpolitischen Rahmenbedingungen auch unmittelbare Auswirkung auf die Geburtenrate in unserem Land: Alle familienpolitischen Leistungen in den vergangenen Jahren haben es nicht vermocht, hier eine durchschlagende Wirkung zu erzielen. Nirgendwo in der europäischen Union werden bezogen auf 1000 Einwohner weniger Kinder geboren als in Deutschland. Doch zu den familienpolitischen Maßnahmen wie Kita-Ausbau und Elterngeld sind direkte Veränderungen in unserer Arbeitswelt nötig. Wir brauchen einen kulturellen Wandel in den Unternehmen. Zwei gleichwertig beschäftigte Eltern mit kleinen Kindern – dieses Modell funktioniert bisher kaum und geht häufig mit einer Überforderung der Betroffenen einher. So findet als vermeintliche Lösung entweder eine Rückkehr in alte Rollenbilder statt, mit der Frau im Haushalt und dem Mann als Verdiener, oder gerade auch hochqualifizierte Frauen entscheiden sich notgedrungen gegen Kinder und für eine Karriere.

Beide Varianten erscheinen vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung als nicht mehr akzeptabel. Qualifiziert ausgebildete Frauen und Männer werden im Arbeitsprozess ebenso gebraucht wie in der Rolle als Mutter beziehungsweise Vater.

Deswegen nehme ich als eine erste Quintessenz unserer Untersuchung vorweg: Ein kultureller Wandel in den Unternehmen sollte im Kern Müttern wie Vätern größtmögliche Flexibilität ermöglichen. Zudem sollte der in der Kinderversorgung aktive Vater im Berufsleben zum akzeptierten Rollenmodell werden. Flexibilität nicht nur in Bezug auf die Arbeitszeiten hilft, Belastungen insbesondere in der Rushhour des Lebens zu reduzieren. Hier verknüpfen sich unsere Vorstellungen zur Prävention mit familienpolitischen Forderungen und betrieblich erarbeiteten Lösungsmöglichkeiten.

Oder kurz und salopp formuliert: Eine gute Familienpolitik ist auch eine gute Gesundheitspolitik und familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind auch gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen.

Ob sich in der Arbeitswelt aus der Notwendigkeit qualifizierte Beschäftigte zu halten, bereits innovative  und tragfähige Ansätze herauskristallisieren, auch dazu nun mehr aus unserer diesjährigen Untersuchung. Herr Nolting vom IGES Institut wird Ihnen wichtige Erkenntnisse daraus vorstellen. 

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Zuletzt aktualisiert:
Feb 13, 2014

Jörg Bodanowitz

Pressesprecher

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