Bequem - und schädlich
Ergänzung
Viele Berufe erfordern von den Menschen auf Dauer einseitige Körperhaltungen. Daraus entstehen oft behandlungsbedürftige Haltungsschäden. Ein Blick auf Ursachen, gesundheitliche Folgen und Vorbeugepotenziale. Teil 1: vom Sitzen.
Was scheinbar bequem ist, ist auch schädlich: das Sitzen. 17 Millionen Deutsche verbringen den Arbeitsalltag in dieser Körperhaltung, und das vor allem am Schreibtisch. Doch damit nicht genug: Auch der Arbeitsweg wird vorwiegend sitzend im Auto oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel zurückgelegt, ebenso ein Gutteil des Feierabends zu Hause am Esstisch und danach vor dem Fernseher. Sitzend verbringen viele Menschen bis zu 14 Stunden ihres Tages.
Doch für unseren Körper - und hier vor allem für den Rücken - bedeutet das vermeintlich Bequeme tagtäglich Höchstleistung. "Mittlerweile merke ich meinen Rücken schon nach zwei bis drei Stunden", sagt Maria Mateja, seit 20 Jahren Sachbearbeiterin beim Statistischen Landesamt Nordrhein-Westfalen. Dabei gehört die Fünfzigjährige schon zu denjenigen, die in ihrer Freizeit viel für Gesundheit und Rücken tun. Sportliche Aktivitäten wie Walking und regelmäßige Besuche in einem Fitnessstudio gehören fest in ihr Programm. Dennoch macht der Rücken Maria Mateja seit Jahren Probleme - eine Hauptursache dafür ist ihre sitzende Tätigkeit. "Ich sitze täglich zwischen sechs und achteinhalb Stunden am Schreibtisch. Die Lendenwirbelsäule ist mein Schwachpunkt. Ein bis zwei Mal im Jahr habe ich so starke Schmerzen, dass ich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen muss.
Dann helfen mir Krankengymnastik und Massagen." Beim Sitzen ist der Oberkörper aufgerichtet, und der größte Teil des Körpergewichtes lastet auf dem Becken, dem Gesäß und/oder den angewinkelten Oberschenkeln. Vor allem durch das Sitzen in vorgebeugter Haltung entsteht ein unphysiologisch hoher statischer Druck auf die Bandscheiben, der fast das Doppelte der Belastung im Stehen ausmacht. Je gekrümmter der Rücken und je statischer die Haltung, desto höher ist die Belastung. Die Atmung kann behindert sein, die Tätigkeit des Darms durch die mangelnde Bewegung eingeschränkt. Zusätzlich müssen beim längeren Sitzen Rumpf, Wirbelsäule, Bandscheiben und Muskeln einerseits erhebliche Haltearbeit leisten, was die Gefahr von Verspannungen in sich birgt. Andererseits lässt andauerndes Sitzen die Muskeln schwach werden und ihre natürliche Stützfunktion für die Wirbelsäule nicht mehr erfüllen. Der Rücken wird müde.
Daniela Forin, 23, ist erst seit wenigen Wochen Kassiererin bei Edeka. Sie hat sozusagen noch eine sitzende Karriere vor sich und kennt noch keinen müden Rücken. Anders hingegen ergeht es Jens Janouschkowetz, 35, Gabelstaplerfahrer bei der Firma Pilkington, NSG Group - eine der weltweit größten Hersteller von Glas und Glasprodukten für die Bau- und Fahrzeugindustrie: "Spätestens alle drei Stunden muss ich aussteigen und einfach nur Mal stehen, um meinen Rücken zu strecken." Janouschkowetz sitzt seit sechs Jahren täglich acht bis zehn Stunden auf seinem Gabelstapler. In dieser Zeit transportiert er zahllose Kisten mit je 38 Windschutzscheiben. "Nach der Hälfte der Zeit ist man durchgeschüttelt. Nacken und Rücken fangen an zu schmerzen", beschreibt er die Belastungen. Das hält die Lendenwirbelsäule auf Dauer nicht aus; seit knapp einem Jahr hat er anhaltende Beschwerden in diesem Bereich. Vor vier Wochen hat er sich sogar den Ischiasnerv eingeklemmt - zu Hause allerdings - und erhält Spritzen gegen seine Schmerzen.
Maria Mateja und Jens Janouschkowetz sind keineswegs Einzelfälle - im Gegenteil: In den Industrienationen ereilen Rückenschmerzen statistisch gesehen jeden Menschen mindestens ein Mal in seinem Leben. Bei uns haben 20 Millionen Bundesbürger regelmäßig derartige Beschwerden, und das vor allem in der Lendenwirbelsäule. Es stellt sich also die Frage, wie Bandscheiben schädigende Sitzhaltungen und die Wirbelsäule belastende wiederkehrende Bewegungsmuster vermieden werden können. Mateja und Janouschkowetz haben Glück, denn ihre Arbeitgeber engagieren sich sowohl in Bezug auf die "Hardware" als auch die "Software". Rückenfreundliche Büromöbel - ergonomische Bürostühle oder höhenverstellbare Schreibtische - können Mitarbeiter des Statistischen Landesamtes für sich beantragen; Maria Mateja besitzt seit einiger Zeit einen eigenen, den Rücken beim Sitzen entlastenden Stuhl. Und auch Jens Janouschkowetz sagt: "Der Sitz in meinem Gabelstapler wurde ausgetauscht. Die Höhe und die Härte des Sitzpolsters sind jetzt verstellbar - das bringt eine Menge."
In der Tat leisten ergonomische Möbel einen großen Beitrag zur Verbesserung der Situation. Das Sitzen auf einem Stuhl, der eine Lehne hat, entlastet die Muskeln und Gelenke, die für das aufrechte Sitzen verantwortlich sind. So ist der Druck auf die Bandscheiben, wenn man sich anlehnt oder zurücklehnt, dann nur noch um 30 bis 40 Prozent erhöht. Wichtig ist, die Möbel auf die individuellen Bedürfnisse einzustellen. Das gilt ebenfalls für den Fahrersitz im Auto, denn auch der Rücken von Menschen, die viele Stunden am Steuer verbringen, leistet Schwerarbeit. Abgesehen vom Möbel ist eine richtige Sitzhaltung unverzichtbar. Um Rückenschmerzen zu vermeiden, sollte das Becken im Sitzen leicht nach vorne gekippt sein (ganz einfach mithilfe eines Keilkissens). Dadurch richtet sich die Brustwirbelsäule wieder auf, und die Halswirbelsäule wird gestreckt; beides wirkt entlastend. In vielen Firmen lernen Mitarbeiter dieses richtige Sitzen im Rahmen einer Rückenschule. Bei Pilkington z.B. heißt sie Pilkington Aktiv. Die Teilnehmer üben zehn Minuten lang verschiedene Mobilisations-, Dehnungs-, Koordinations- und Gleichgewichtsübungen.
Die regelmäßige Durchführung verbessert die Beweglichkeit der Wirbelsäule und entlastet den Muskel- und Skelettapparat. Angeleitet werden die Mitarbeiter von einer Physiotherapeutin bzw. von Kollegen, die entsprechend geschult wurden. Jens Janouschkowetz ist sich bewusst, dass er dieses tägliche Angebot zu selten in Anspruch nimmt. Auch Maria Mateja bedauert, dass sie die Rückenpause des Statistischen Landesamtes noch nicht in ihren Arbeitsalltag integriert hat. Auf die Frage, wie sie ihre Lendenwirbelsäule entlastet, antwortet sie: "Ich gehe viele Wege zu Fuß, statt den Aufzug zu nehmen, damit meine Wirbelsäule sich wieder entstauchen kann. Ich verändere auch meine Körperhaltung am Schreibtisch so oft es geht." Damit liegt sie im Trend: Eine regelmäßige Veränderung der Sitzhaltung auf dem Arbeitsstuhl - nach vorne geneigt sitzen, aufrecht sitzen, zurückgelehnt sitzen, aufstehen, stehen - zur Vorbeugung von Rückenschmerzen bei sitzenden Tätigkeiten gilt als das A und O. Dieses sogenannte dynamische Sitzen beugt durch wechselnde Belastungen von Muskulatur und Wirbelsäule Ermüdungen und Beschwerden vor. Und manche Tätigkeit - etwa Telefonieren - lässt sich auch mal im Stehen verrichten. Wer aber - wie Daniela Forin - das Sitzen nicht sehr variieren kann, tut gut daran, früh mit einer Rückenschule zu beginnen, die auch unbedingt darüber aufklären sollte, wie wichtig zur Vorbeugung gegen Schmerzen Entspannung, richtige Ernährung und eine stabile Psyche sind, da Rückenbeschwerden in vielen Fällen auch seelische Ursachen haben.
Last but not least verhindert das dynamische Sitzen auch noch eine andere Erkrankung, die vor allem Frauen betrifft: die Thrombose. Durch langes Sitzen - vor allem mit im Knie angewinkelten Beinen - kann sich ein Thrombus (Blutgerinnsel) bilden, der eine der Beinvenen verstopft. Großes Übergewicht und/oder die Einnahme von Kontrazeptiva ("Pille") sind begünstigende Faktoren. Regelmäßiges Aufstehen und Gehen aktiviert die sogenannte Muskelpumpe und sorgt für ein freies Fließen des Blutes in den Venen. Wer sich nicht viel bewegen kann, sollte das Tragen von Kompressionsstrümpfen überlegen. Aber egal, ob Frauen oder Männer (die 45 bzw. 55 Prozent der Bildschirmarbeitsplätze innehaben): den gut 80.000 Stunden reines Sitzen in einem durchschnittlichen Büroleben sollte ab und zu das Stehen und viel Bewegung entgegengesetzt werden - die Gesundheit wird es danken.
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Autor: Dr. Suzann Kirschner-Brouns




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