Kinder sind keine kleinen Erwachsenen - das gilt besonders bei Medikamenten
Halbe Portion. Halbe Dosierung
Wenn der Nachwuchs schnieft, greifen Eltern häufig zu Medikamenten: Mehr als eine Million Rezepte mit Husten- und Schnupfenarzneien wurden im letzten Jahr allein bei der DAK für Kinder eingereicht. Dazu kamen über 500.000 Packungen Antibiotika. Dass Erkältungsmittel ganz oben auf der Liste der verordneten Medikamente rangieren, ist nicht verwunderlich – in Kindergärten und Schulen grassieren diese Krankheiten ja häufiger. Vorsicht ist allerdings bei stärkeren Mitteln geboten. Grundsätzlich gilt daher: Arzneimittel für die Kleinsten nur in Absprache mit dem Kinderarzt geben!
Schmerzmittel nur unter ärztlicher Kontrolle
Im Gegensatz zu den Erkältungspräparaten ist die hohe Zahl der Schmerzmittel, die Kindern verschrieben werden, schwierig zu erklären. Diese landen auf Platz vier der DAK-Liste. Kinder unter zwölf Jahren erhielten demnach 2007 mehr als 360.000 Packungen. Die Zahlen sind hoch, obwohl die Präparate von Ärzten sicher nicht leichtfertig verschrieben werden. Erfreulicherweise gibt es aber Schmerzmittel, die speziell dem kindlichen Organismus und Stoffwechsel angepasst sind.
Keine Experimente!
Kritisch sei eher, wenn Erwachsene dem Nachwuchs von den eigenen Mitteln abgäben – nach dem Motto: eine Tablette für die Großen, eine halbe für die Kleinen. Besondere Vorsicht ist bei codeinhaltigen Mitteln gegen Husten geboten. Diese fallen unter das Betäubungsmittelgesetz und sind ausschließlich für schwere Fälle gedacht. Auch Nasensprays sind nicht ohne Risiko: Sie erleichtern den Kleinen zwar das Atmen, sollten aber keinesfalls über längere Zeit angewendet werden: Durch die Sprays kann die Schleimhaut in der Nase anschwellen. Sie reagiert dann noch empfindlicher auf Keime. Kinder sollten daher niemals in Eigenregie behandelt werden – auch wenn es sich um vermeintlich harmlose Präparate handelt!
Immer an die verordnete Dosis halten
Auch vor dem Grundsatz "viel hilft viel" sollten Eltern sich hüten. So gelangen beispielsweise Salben bei Säuglingen viel schneller in den Organismus als bei Erwachsenen, weil ihre Haut dünner ist. Auch der niedrigere Körperfettanteil und Unterschiede im Stoffwechsel sorgen dafür, dass Medikamente bei Kindern häufig anders und vor allem viel stärker wirken. Generell gilt: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Das muss bei der Vergabe von Medikamenten immer bedacht werden. Eltern sollten deshalb keinesfalls eigenmächtig die Dosis erhöhen, sondern vorher immer den Kinderarzt fragen.
"Nase zu und runter damit!"
Gegen den unangenehmen Geschmack vieler Arzneien hilft eine altbewährte Methode: Beim Schlucken dem Nachwuchs die Nase zuhalten. Auch mit Saft oder Tee vermischt geht es leichter. Eltern sollten sich jedoch unbedingt nach Wechselwirkungen erkundigen. So dürfen Antibiotika zum Beispiel nicht mit Milch eingenommen werden. Was tun, wenn sich das Kind erbricht? Direkt nach der Einnahme darf eine zweite Dosis verabreicht werden. Übergibt sich das Kind erst später, etwa nach 30 Minuten, sollte man den Arzt fragen. Je nachdem, wie schnell der Körper das Präparat umsetzt, kann eine zweite Dosis gefährlich werden. Und: Medikamente sind kein Spielzeug! Gerade weil die bunten Pillen hübsch aussehen und so mancher Hustensaft „schön süß“ schmeckt, sollten die Mittel immer außer Reichweite von Kindern aufbewahrt werden!
Medikamente in der Pubertät
Bei Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren führt die Antibabypille die Liste der verschriebenen Medikamente an. Das liegt auch daran, dass es für diese Altersgruppe Mittel gegen Erkältungen nicht mehr auf Rezept gibt. Diese werden von der Statistik daher nicht mehr erfasst.“ Ebenfalls typische Teenager-Medikamente: Aknemittel und dermatologische Zubereitungen. Junge Mädchen lassen sich außerdem häufig gegen Humane Papillomaviren (HPV) impfen, um sich vor Gebärmutterhalskrebs zu schützen. Mädchen ab zwölf Jahren und deren Eltern sollten darüber mit einem Gynäkologen oder dem Kinderarzt sprechen, zum Beispiel im Rahmen der Jugendschutz-untersuchung. Psychopharmaka für Kids: ganz normal? Ebenfalls unter den „Top Ten“: Psychopharmaka – bei Jugendlichen, aber auch schon bei den Jüngeren unter zwölf. Meist handelt es sich um Antidepressiva oder um den Wirkstoff Ritalin zur Behandlung von ADHS. Die so genannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist im Verlauf jedoch auch vom Umfeld und psychosozialen Faktoren abhängig. Eltern sollten Nutzen und Risiken der Präparate daher sorgfältig abwägen und Kinder nicht einfach ruhigstellen. Experten empfehlen, auch über eine Psychotherapie nachzudenken oder diese gegebenenfalls mit Medikamenten zu kombinieren.
Zu wenig Kindermedikamente
Obwohl laut DAK-Analyse Kinder viele Medikamente erhalten, sind nur rund 320 von insgesamt mehr als 60.000 speziell für sie zugelassen. Grund: Die meisten Pharmaunternehmen scheuen das aufwändige Zulassungsverfahren. Kinderärzte müssen daher häufig auf Mittel zurückgreifen, die eigentlich für Erwachsene entwickelt wurden, und die Dosierung nach eigenem Ermessen vornehmen. Eine neue EU-Regelung soll Abhilfe schaffen: Der Patentschutz für Kinderarzneien wird verlängert, so dass für die Hersteller ein zusätzlicher finanzieller Anreiz geschaffen wird.








